Kooperationen mit anderen Betrieben können Probleme aus dem Weg räumen
Auch für Gründer lohnt sich Nachwuchsarbeit

Nicht leicht, aber machbar: Auch Existenzgründer können Lehrlinge ausbilden und sich dadurch gegen Fachkräftemangel wappnen.

Der Mangel an jungen Fachkräften, so warnen Experten, wird sich zunehmend mit den geburtenschwachen Jahrgängen zu einem Branchen übergreifenden Phänomen ausweiten. Nicht nur deshalb lohnt es für Gründer, nach der Startphase an den eigenen Mitarbeiternachwuchs zu denken.

"Der Trend heißt: weniger Personaleinkauf, mehr Personalentwicklung", sagt Gerhard Maier, Human-Resources-Experte im Bund Junger Unternehmer (BJU) und Inhaber der Kölner Personalberatung Peopledynamix GmbH. Der Arbeitskräftemangel in der IT-Branche habe in weiten Teilen der Wirtschaft zum Umdenken geführt. "Wer es heute verpasst, seinen Nachwuchs zu qualifizieren, wird in ein paar Jahren Lehrgeld dafür zahlen", so Maier.

Thomas Schierbecker, Vize-Geschäftsführer der Handelskammer Hamburg, teilt diese Ansicht. Existenzgründern rät er dennoch, erst nach einer Startphase von einen Jahr in die Berufsausbildung einzusteigen. "Denn wenn der Auszubildende sich selbst überlassen bleibt, weil der Unternehmensaufbau zu viele Kräfte bindet, ist beiden Seiten nicht gedient", sagt Schierbecker. Mit dem Lehrverhältnis übernehme das Unternehmen schließlich auch Verantwortung.

Ausbildungsbetrieb muss bestimmte Anforderungen erfüllen

So könne ein Unternehmen dem Auszubildenden nicht betriebsbedingt kündigen, selbst wenn zum Beispiel der Ausbilder plötzlich ausfalle und aufgrund der gesetzlichen Vorgaben nur schwer Ersatz zu beschaffen sei. Der wichtigste Ansprechpartner des Azubis im Betrieb muss mindestens 24 Jahre alt sein und über einen Abschluss im jeweiligen Beruf sowie über didaktische und pädagogische Kenntnisse verfügen. Auch in Bezug auf Ausbildungspläne, Räumlichkeiten und die Arbeitsplatzgestaltung stellt der Gesetzgeber konkrete Anforderungen.

"Der bürokratische Aufwand hält sich aber in Grenzen", resümiert Edzard Wittig, Mitbegründer des Berliner Internet-Dienstleisters Virtualley. Das 1999 gegründete Startup stellte im vergangenen Herbst zwei Auszubildende ein. Die IHK half beim Papierkram und bei der Abstimmung mit der Berufsschule. Selbst dass niemand in der fünfköpfigen Virtualley-Crew die Ausbilder-Eignungsprüfung vorweisen konnte, sei kein Hinderungsgrund gewesen.

Wittig musste sich allerdings verpflichten, den entsprechenden Lehrgang nachzuholen. Ein halbes Jahr lang drückte er jeweils Freitag abends und Samstag vormittags die Schulbank. "Anfangs nur des Scheines wegen", sagt er. Aber was er dann in Sachen Methodik, Psychologie oder Betriebsorganisation aus den Seminaren mitgenommen habe, könne er auch sonst tagtäglich gut gebrauchen.

"Betriebliche Eignung" oft hohe Hürde

Zwar werden Ausnahmeregelungen wie im Falle von Virtualley von den betreuenden Kammern meist großzügig ausgeschöpft. Dennoch erweist sich die vom Gesetzgeber vorgeschriebene "betriebliche und persönliche Eignung" oft als Hürde. "Ein Unternehmen, das nur Webseiten gestaltet, kann die in der Ausbildungsordnung geforderte Bandbreite an Fähigkeiten und Fertigkeiten oft gar nicht vermitteln", sagt Ingo Bünsch, Unternehmer und Vorsitzender der Ausbildungsinitiative Hamburger Wirtschaft e.V.

Der Verein hat es sich zur Aufgabe gemacht, Teilkompetenzen von Unternehmen in der Berufsausbildung zu bündeln. Das Besondere gegenüber herkömmlichen Firmenpartnerschaften, wie sie beispielsweise durch die Kammern vermittelt werden: Der Verein tritt als Vertragspartner der Azubis auf und koordiniert die Ausbildung in bis zu drei Betrieben und der Berufsschule.

Als Daniel Prior, Mitinhaber der Hamburger Werbehaus GmbH, von dem Projekt erfuhr, meldete er sein Unternehmen als Vereinsmitglied an. Bis dahin hatte der Chef der fünf Mitarbeiter zählenden Agentur Lehrstellenbewerber stets "schweren Herzens" weg geschickt: "Wir hätten das allein nicht leisten können." Nun, drei Jahre später, steht mit dem 25-jährigen Uwe Lübbermann sein erster Azubi kurz vor der Abschlussprüfung.

Verbundmodell hat sich bundesweit bislang nicht durchgesetzt

Priors Bilanz fällt positiv aus: Der halbjährliche Wechsel Lübbermanns zwischen dem Werbehaus und der Hanse-Merkur Versicherung als zweitem Ausbildungsbetrieb lief nicht nur reibungslos, sondern bedeutete für beide Unternehmen, dass der finanzielle und zeitliche Aufwand halbiert war. Die Abgaben an den Verein lagen nur bei rund zwei Prozent der Lohn- und Lohnnebenkosten. "Auch deshalb, weil die Bundesanstalt für Arbeit und der Europäische Sozialfonds Verbundprojekte wie die Ausbildungsinitiative fördern", sagt Bettina Wolf vom Hamburger Arbeitsamt. Um so erstaunlicher findet es die Berufsberaterin, dass die Idee bundesweit bisher wenige Nachahmer gefunden habe.

Uwe Lübbermann jedenfalls fühlt sich auf das Berufsleben gut vorbereitet. "In der Agentur habe ich das Werbe-Handwerk gelernt, bei der Versicherung Buchhaltung", sagt er. Und noch etwas hat Lübbermann den meisten Berufsschülern in seiner Klasse voraus: Er hat zwei Job-Angebote in der Tasche. Entscheiden wird er sich wohl für das Werbehaus. Doch für die Hanse-Merkur wird er trotzdem weiter arbeiten. Denn die ist inzwischen Kunde bei seinem künftigen Arbeitgeber.

Kompakt: Was kostet ein Azubi?
Die tariflichen Entgelte für Auszubildende liegen im ersten Lehrjahr zwischen etwa 500 Mark (u.a. verschiedene Bauhandwerke) und 1 600 DM (Binnenschiffer). Sie steigen pro Lehrjahr um etwa 8 bis 25 Prozent an.

Sozialbeiträge muss das Unternehmen zusätzlich abführen. Nicht Tarif gebundene Unternehmen dürfen die tariflichen Sätze nicht um mehr als 20 Prozent unterschreiten.

Die Eintragung in die Lehrlingsrolle der Handelskammer (rund 60 DM) sowie anfallende Gebühren für Zwischen- und Abschlussprüfungen (jeweils circa 200 bis 500 DM) muss das Unternehmen tragen. Die Teilnahme an der Berufsschule ist kostenlos. Fahrt- und Unterbringungskosten muss der Auszubildende tragen.

In den Bundesländern gibt es unterschiedliche Förderprogramme. Ein Rechtsanspruch auf Landesförderung besteht aber in der Regel nicht.

Subventioniert werden Betriebe, die erstmals oder über den eigenen Bedarf hinaus ausbilden oder Lehrstellen für benachteiligte Jugendliche schaffen.

Einige Bundesländer belohnen Existenzgründer, die innerhalb der ersten zwei beziehungsweise drei Jahre in die Berufsausbildung einsteigen. Die Übernahme von Auszubildenden aus Konkursbetrieben fördern die Arbeitsämter.

Zu Lehrlingsentgelten und Fördermöglichkeiten beraten die Kammern. Informationen über Initiativen und Fördermittel in den einzelnen Bundesländern gibt es auch beim Arbeitsamt.

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