Kooperationen statt Marktbereinigung
Genossenschaftsbank-Chef: Krisenkartell bringt nichts

Die deutsche Kreditwirtschaft steckt in einer Ertragskrise. Nachdem Privatbankenpräsident Rolf-E. Breuer eine radikale Neuordnung des Sektors gefordert hat, diskutiert die Branche über Wege, wie das Bankgeschäft wieder profitabel gemacht werden kann. BVR-Chef Christopher Pleister plädiert für eine Strategie der kleinen Schritte.

FRANKFURT/M. "Die Krise der deutschen Kreditwirtschaft kann nicht in einem großen Wurf gelöst werden. Vielmehr sind viele kleine Schritte notwendig." Dies sagt Christopher Pleister, Präsident des Bundesverbandes der deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR) im Gespräch mit dem Handelsblatt: "Wenn wir heute eine Pyramide bauen würden, würden wir sie nicht aus großen Quadern, sondern aus Ziegelsteinen bauen."

Rolf-E. Breuer, Präsident des Bundesverbandes deutscher Banken (BdB) und Aufsichtsratschef der Deutschen Bank, hatte kürzlich im Handelsblatt einen radikalen Umbau der deutschen Finanzindustrie gefordert. Sonst seien deutsche Kreditinstitute auf internationalem Parkett bald nicht mehr wettbewerbsfähig und würden "nur noch elegant ihren Niedergang verwalten". Breuer forderte ein Aufbrechen der verkrusteten Strukturen in der deutschen Bankenlandschaft und eine Öffnung des Drei-Säulen-Modells aus Privatbanken, Sparkassen und Genossenschaftsbanken.

Pleister sieht zwar wie der BdB-Chef die Notwendigkeit der Zusammenarbeit zwischen Privatbanken, Sparkassen und Genossenschaftsbanken. Allerdings lehnt der BVR-Chef die von Breuer geforderte große Marktbereinigung ab. Der Weg führe nicht über weniger Wettbewerb durch Fusionen, sondern über das Ausloten von Kooperationen: "Wir lösen die Krise nicht mit der Forderung nach einem Strukturkrisenkartell, das die Sektorengrenzen abschafft."

Konkrete Ansatzpunkte für Kooperationen sieht der BVR-Präsident vor allem im Zahlungsverkehr. "Ich würde es sehr begrüßen, wenn alle Großen sich zusammensetzen und über ein Modell nachdenken würden, um den Zahlungsverkehr zu optimieren." Durch die Gründung der BWS Bank für Wertpapiertransaktionen und die Auslagerung der Zahlungsverkehrsaktivitäten der DZ Bank in eine eigene Gesellschaft habe die Gruppe der Volksbanken und Raiffeisenbanken ihre Bereitschaft zur Kooperation gezeigt.

Fusionen, wie sie Breuer anregte, sind für die Genossenschaftsbanken eine schlechte Variante. Denn in den meisten Fällen würde ein Zusammenschluss mit den größeren Partnern aus dem Privatbanken- oder Sparkassenlager den Verlust der genossenschaftlichen Identität zur Folge haben, sagte Pleister: "Das ist nicht im Interesse unserer Kunden und Mitglieder." Zudem verhinderten die bestehenden rechtlichen Rahmenbedingungen Zusammenschlüsse: "Solange es ein Genossenschafts- und ein Sparkassengesetz gibt, solange wird es auch Genossenschaftsbanken und öffentlich-rechtliche Institute geben." Und das sei wahrscheinlich noch in zehn Jahre der Fall.

Doch selbst Kooperationen scheitern derzeit immer wieder am Anspruchsdenken der Beteiligten in den drei Säulen. Die Sparkassen können sich nicht auf ein Wertpapierabwicklungshaus einigen, und ein gemeinsames Mittelstandsrating von Sparkassen und Genossenschaftsbanken kam aus Angst der Ortsbanken vor dem Wettbewerber nicht zu Stande. Auch der erste Ansatz einer Sektor übergreifenden Zusammenarbeit im Zahlungsverkehr, geplant zwischen der Commerzbank und der DZ Bank, scheint gerade im Sande zu verlaufen.

Pleister kritisierte deutlich den Privatbankensektor, der die nötige Kooperationsbereitschaft vermissen lasse. "Verhandlungen mit Privatbanken sind bislang immer an deren Dominanzanspruch gescheitert, der nicht gerechtfertigt ist. Ich erwarte von den Privatbanken endlich eine Konkretisierung der Modelle und vor allem echte Kooperationsbereitschaft", forderte er. Beispiel: Die Deutsche Bank habe mit der Gründung der European Transaction Bank (ETB) nicht auf Sektor übergreifende Kooperation, sondern auf Wettbewerb gesetzt und über Kampfpreise die zur genossenschaftlichen Gruppe zählenden Sparda-Banken auf ihr System gezogen.

Die aktuelle Lage des deutschen Kreditgewerbes - "die kritischste des vergangenen Jahrzehnts" - resultiert nach Pleister aus schwierigen Rahmenbedingungen und strategischen Fehlentscheidungen. Die lange Zeit des geringen wirtschaftlichen Wachstums habe Spuren bei den Banken hinterlassen. Zudem sei in den 90er Jahren das Kostenbewusstsein viel zu schwach ausgeprägt gewesen. Der BVR-Präsident kritisierte die strategische Fehlentscheidung der Banken, das Privatkundengeschäft zu vernachlässigen und hohe Summen in den Ausbau des Investmentbankings zu investieren.

Großes Problem der deutschen Banken sind in seinen Augen die Risikokosten. Die Pleitewelle bei Unternehmen, die nach Schätzungen von Creditreform im kommenden Jahr einen Rekordstand erreichen wird, habe einen enormen Abschreibungsbedarf zur Folge. Dies sei aber nicht nur marktbedingt, sondern durchaus auch hausgemacht. Pleister: "Die Hälfte der Probleme in den Kreditportfolios resultiert daraus, dass wir mit zu geringe Margen gerechnet haben." Das künftige Risikopotenzial bei den Kreditgenossenschaften hält Pleister für beherrschbar. Da die Institute jährlich von den Regionalverbänden geprüft würden, sei der Anteil riskanter Kredite vor allem bei den kleineren Genossenschaftsbanken nicht sehr hoch.

Der Ausweg aus der Ertragskrise führt für Pleister nur über den Vertrieb. Die Cross-Selling-Raten, also der Verkauf von mehreren Produkten an einen Kunden, sei in Deutschland im Vergleich zu den ausländischen Wettbewerbern immer noch viel zu niedrig. Dabei seien die Genossenschaftsbanken relativ gesehen noch einigermaßen erfolgreich: "Wir sind der Einäugige unter den Blinden!"

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