Kopf der Boston Consulting Group
Bolko von Oetinger: Der Bewahrer der Werte

Er ist Berater, Forscher und Philosoph. Von Oetinger sucht nach neuen Strategien, mit denen Unternehmen die Wirtschaftskrise meistern können.

MÜNCHEN. Der Raum ist klein. Er hat etwas von einer Studierstube: zwei Fenster übereinander, eines in der Dachschräge, ein schlichter Schreibtisch, ein langes Regal und viele, viele Ordner. An den Wänden hängen nur ein Goethe-Zitat, ein Text von Adalbert Stifter und ein Mini-Porträt von Carl von Clausewitz.

Clausewitz? "Der preußische Kriegsphilosoph verkörpert das Ideal des strategischen Denkers", erklärt Bolko von Oetinger seinem Besucher, warum das Clausewitz-Bild einen Ehrenplatz in der Nähe seines Schreibtisches hat. Der Senior Vice President der Boston Consulting Group (BCG) leitet das Strategieinstitut des Beratungshauses in München - eine Besonderheit in der Berater-Szene.

"Ich bin so etwas wie ein Grundlagenforscher in Sachen Strategie", erläutert der schlanke Mann im konservativen, dunkelblauen Jackett, an dessen Ärmel goldene Manschettenknöpfe hervorblitzen. Er will das Wesen der Strategie untersuchen, auch jenseits der Betriebswirtschaft. Die Forschungsergebnisse, die er mit zwei Mitarbeitern und von Projekt zu Projekt wechselnden Professoren erarbeitet hat, stellt er der Öffentlichkeit zur Verfügung. So entstanden zahlreiche Aufsätze, eine Vorlesungsreihe in den USA und ein Buch über Clausewitz.

Strategien sind nach Ansicht von Oetingers in der Betriebswirtschaft "zum Werkzeugkasten verkommen. Strategien wurde reduziert auf ein inhaltloses Mehr, Mehr, Mehr an Shareholder Value", kritisiert der Chefdenker des Beratungshauses, das nach Angaben des Branchendienstes Lünendonk im vergangenen Jahr mit 238,5 Millionen Euro Umsatz Platz vier in Deutschland hinter McKinsey, Roland Berger und A.T. Kearney belegte.

Wie passen der Offizier Clausewitz und die moderne Unternehmensberatung zusammen? Schon ist der Mann mit dem strengen Seitenscheitel und dem blauen Siegelring in seinem Element. Der gebürtige Berliner spricht schnell und äußerst präzise. Beispiel Leo Kirch: Hätte der Filmhändler Clausewitz beherzigt, stünde er heute nicht vor dem Ruin, ist er überzeugt. Kirch habe zu viele Firmen gekauft und sie nicht richtig integriert: "Man kann sich auch zu Tode siegen, hat Clausewitz gewarnt, nämlich, wenn man das, was man erobert hat, nicht befestigt."

Oetinger ist nicht nur Theoretiker. Er hat erlebt, wie die Schokoladenfabrik seines Vaters in Konkurs ging. Außerdem arbeitet der heute 59-Jährige bereits seit 1974 bei BCG. Er baute das Deutschland-Geschäft mit auf, von null auf 500 Berater, bekleidete viele Managementfunktionen und berät seit Jahren Technologiekonzerne. So gibt es eine enge Verbindung mit Siemens-Chef Heinrich von Pierer, mit dem er das Buch: "Wie kommt das Neue in die Welt?" geschrieben hat.

Ursprünglich, nach dem Zweiten Weltkrieg, wollte er mal Berufsoffizier werden. Doch der Intellektuelle vermisste "die analytische Einsicht vor der operativen Ausführung". Dann will er Journalist werden und studiert an der Freien Universität Berlin Politologie. In der Zeit der Studentenrevolte prägen ihn die liberal-demokratischen Ideen eines Professors, der die Bedeutung von Grundwerten betont.

Die hält der verheiratete Vater dreier Töchter gerade heute angesichts der Bilanzskandale von Enron und Co. für wichtig: "Wir müssen endlich wieder zu den sozialen Grundwerten des Wirtschaftens wie Vertrauen, Dauerhaftigkeit und Respekt vor dem Menschen zurückkommen." Deshalb wird er intern "Bewahrer der Werte" genannt.

Von Oetinger gehört nicht zu denen, die immer neue Beratungsaufträge hereinholen. Er ist zu sehr sachorientiert, um wortreich zu werben. Er ist mehr der Typ Forschungschef, der auch Ruhe zum Nachdenken braucht. So zieht er sich schon mal in die Bibliothek seines Münchener Wohnhauses zurück. Richtig abschalten kann er aber samstags morgens um sieben Uhr in der Münchener Uni-Reitschule. "Bei den Dressurübungen kann ich ganz abtauchen und erlebe manchmal für wenige Minuten die tiefsten Glücksmomente, wenn ich mich in völliger Harmonie mit dem Pferd befinde", erzählt der strenge Rationalist - mit viel Gefühl.

Quelle: Handelsblatt

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