Kopfschütteln in der SPD nach neuen Eskapaden Scharpings
"Scharping hat völlig die Bodenhaftung verloren"

Er war schneller wieder mit seiner Gräfin im Pool, als die Bundeswehrsoldaten die ersten Waffen in Mazedonien einsammeln konnten - die Kommentare zur jüngsten privaten Eskapade Rudolf Scharpings ließen an Spott und Schärfe nichts zu wünschen übrig. Als hätten die Fotos in der "Bunten", die den Minister plantschend im Pool zeigen, nicht schon genug Wirbel ausgelöst - jetzt setzte der Verteidigungsminister noch eins drauf.

afp BERLIN. Als sich die Soldaten nach der Bundestagsabstimmung am Mittwoch ins Flugzeug Richtung Mazedonien setzten, hob auch Scharping ab - allerdings nicht, um seine Jungs auf ihrem gefährlichen Einsatz zu begleiten. Stattdessen jettete er für eine Nacht nach Mallorca, um einige Stunden mit Gräfin Pilati zu verbringen. Zum Truppenbesuch nach Mazedonien flog er erst am Donnerstagmorgen.

Rudi auf Wolke sieben sorgt nicht nur in der Öffentlichkeit vielerorts für Kopfschütteln. Auch in der SPD herrscht blankes Unverständnis, wie Scharping ausgerechnet in der Zeit der wichtigen Mazedonien-Entscheidung sein privates Glück derart aufdringlich und an der Grenze zur Peinlichkeit zur Schau stellt. Neckische Wasserspiele und ein romantischer Abend zwischen zwei höchstwichtigen politischen Terminen - das ist zu viel für die Genossen. Demonstrativ in Schutz genommen wird er in der SPD schon lange nicht mehr. "Der hat völlig die Bodenhaftung verloren", heißt es in der Partei.

Nur die Liebe zählt

Angefangen hatte alles mit dem Auftritt der Frischverliebten Anfang Januar in der Biolek-Sendung "Nur die Liebe zählt". Als im Kanzleramt gerade die Krisensitzung zu den angeschlagenen Ministern Karlheinz Funke und Andrea Fischer lief, streichelte Scharping Gräfin Pilati gerade vor Millionenpublikum zärtlich den Rücken. Der Auftritt bescherte Scharping den Vorwurf, sich inmitten der Debatte um Bundeswehrreform und Gefahren durch Uranmunition auf seine neue Liebe zu konzentrieren. 104 Stunden habe er in der besagten Woche gearbeitet, "ich hab's genau gezählt", wandte er sich damals gegen die Kritik, im Liebestaumel seine Arbeit zu vernachlässigen. Doch der Missmut in den eigenen Reihen war schon Anfang des Jahres unüberhörbar. Dass im Spätsommer - mitten in der Mazedonien-Debatte - gleich eine ganze Fotoserie mit einem küssenden und schmusenden Minister folgen sollte, ahnte damals noch keiner.

"Er hätte es bei dem Biolek-Auftritt belassen sollen", heißt es in SPD-Kreisen. Doch Scharping scheint auf den Rat seiner Partei schon lange nicht mehr zu hören. Die Opposition nimmt die Wahlkampfgeschenke dankbar an. Mangels eigener positiver Schlagzeilen stürzt sie sich dankbar auf die Eskapaden des SPD-Ministers. Scharping habe jeglichen Realitätsbezug verloren, empört sich CDU/CSU-Fraktionsgeschäftsführer Hans-Peter Repnik. "Die Sicherheit unserer Soldaten hängt von der Handlungsfähigkeit des Verteidigungsministers ab. Ich zweifle inzwischen daran, ob Scharping diese noch besitzt." Und FDP-Chef Guido Westerwelle forderte lautstark den Rücktritt des Ministers.

Die Union will den Mallorca-Abstecher, für den Scharping die Bundeswehr-Flugbereitschaft nutzte, auch im Bundestag erörtern. Die Flüge und ihre Folgen würden die deutschen Steuerzahler rund 400 000 DM kosten, so der Vorwurf. Und CSU-Generalsekretär Thomas Goppel verwies auf die Soldaten, die im Auslandseinsatz monatelang von ihren Familien getrennt seien. Scharping habe den Sinn dafür, was seiner Aufgabe angemessen sei, verloren. Goppel schlug eine "einvernehmliche" Lösung für alle Beteiligten vor: "Es ist höchste Zeit, dass der Bundeskanzler Scharping für seine Lieblingsbeschäftigung auf Mallorca freistellt."

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