Kostenpotenzial noch lange nicht ausgenutzt
Ernüchterung bei der Bioinformatik

Genforschung und Informationstechnologie. Noch vor wenigen Jahren erschien die Kombination als Garant für eine neue Wachstumsindustrie. Doch inzwischen ist auch auf diesem Gebiet die Euphorie verflogen.

FRANKFURT/M. "Daten, überall Daten, aber keine Medikamente". Die Klage, mit der Jerry Karabelas, der frühere Pharmachef von Novartis, bereits vor gut zwei Jahren ein Dilemma seiner Branche beschrieb, hat sich inzwischen fast schon zu einem geflügelten Wort entwickelt - und seither kaum an Gültigkeit verloren.

Pharma- und Biotechforscher schwimmen in einem Meer von Daten und Informationen, bringen daraus bisher aber vergleichsweise wenige neue Wirkstoffe hervor. Die Hoffnung, mithilfe spezieller Software und Analyse-Systeme aus dem Datenüberfluss mehr nutzbringendes Wissen herauszufiltern, hat sich bislang nicht erfüllt. Einen entsprechend schweren Stand haben derzeit viele spezialisierte Bioinformatik-Firmen und IT-Dienstleister, wie sie in den 90er Jahren zu Dutzenden gegründet wurden. Etliche Akteure, so etwa die US-Firmen Genomica oder DoubleTwist sind inzwischen wieder aus dem Geschäft ausgeschieden. Andere kämpfen mit Umsatzeinbußen und hohen Verlusten. Und die wenigen börsennotierten Bioinformatik-Unternehmen wie deutsche Lion Bioscience oder die israelische Compugen gehörten in den vergangenen Monaten zu den größten Verlierern im ohnehin schwachen Biotechsektor.

Die Entwicklung erscheint auf den ersten Blick fast paradox. Denn mit dem Siegeszug der Genomanalyse und dem Übergang zu so genannten "Hochdurchsatz"-Technologien wandelte sich die Pharmaforschung zu einer Informationswissenschaft. Die Datenmenge, die bei Genanalyse, Wirkstoff-Screening und den klinischen Versuchsphasen anfallen, sind seit Mitte der 90er Jahre geradezu explodiert und dürften mit dem Ausbau der Proteinforschung auch in den nächsten Jahren weiter stürmisch wachsen. Pharmaexperten denken inzwischen daran, mithilfe von Rechnern ganze biologische Systeme zu simulieren. "Die Herausforderung dieser neuen Ansätze ist so komplex, dass Rechner benötigt werden, die größer und schneller sind als alles, was derzeit verfügbar ist", heißt es in kürzlich publizierten Studie der Marktforschungsgruppe Frost & Sullivan.

Es herrscht insofern in der Branche wenig Zweifel, dass Pharma- und Biotechfirmen in den kommenden Jahren zu den wichtigsten Abnehmern von Informationstechnologie gehören werden. Offen bleibt indessen weiterhin, wie viel Spielraum und Marktpotenzial diese Entwicklung tatsächlich für spezialisierte Software- und Serviceanbieter eröffnet

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Frost & Sullivan schätzt allein den amerikanischen Bioinformatik-Markt auf rund 1,4 Mrd. $ im Jahr 2000 und rechnet mit einem Wachstum auf 6,9 Mrd. $ im Jahr 2007. Die Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) geht in einer für Lion erstellten Marktanalyse davon aus, das die Pharma- und Biotechbranche im Forschungsbereich weltweit etwa 4,9 Mrd. Euro, oder rund 7 % ihrer F+E-Budgets, in Informationstechnologie investiert. Davon allerdings entfallen gut zwei Drittel auf Hardware und Standard-Datenbanken (siehe Grafik). Etwa 1,7 Mrd. Euro fließen nach Schätzung von BCG in spezifische Lösungen für die Aufbereitung und Analyse von Forschungsdaten. Dort sehen die Experten das stärkste Wachstum.

Schwierig und unübersichtlich bleibt dieses Geschäft zum einen jedoch auf Grund der nach wie vor großen Anbieterzahl. Denn nicht nur Dutzende von kleinen Software-Spezialisten zielen auf das Segment. Auch große etablierte IT-Konzerne - von Hitachi bis Sun - haben den Bereich längst als einen der künftigen Schlüsselmärkte entdeckt. IBM etwa etablierte bereits vor zwei Jahren eine eigene Life Science Division und bemüht sich seither über eine Serie von Kooperationen biotech-spezifisches Know-how im Service- und Softwarebereich aufzubauen. Ähnliche Strategien verfolgen Unternehmen wie HP oder Motorola.

Konkurrenz für die reinrassigen Bioinformatik-Anbieter kommt ferner von Universitäten, die Software- und Analyse-Tools frei zur Verfügung gestellen. Vor allem aber setzen große Pharmakonzerne nach wie vor stark auf interne Lösungen. Um entsprechendes Know-how aufzubauen, entschloss sich zum Beispiel der US-Riese Merck & Co im vergangenen Jahr dazu, den Bioinformatik-Anbieter Rosetta Inpharmatics gleich komplett zu übernehmen. Nur etwa ein Drittel der Ausgaben, schätzt BCG, geht tatsächlich an externe Spezialisten.

Diese Entwicklung hat Lion Bioscience kürzlich zu einem schmerzhaften Strategiewechsel gezwungen: Statt auf große Deals für den Aufbau kompletter IT-Strukturen, setzen die Heidelberger nun auf den Verkauf von Teilkomponenten für einzelne Stufen des Forschungsprozesses. Eine große Bioinformatik-Allianz, wie man sie vor drei Jahren mit Bayer besiegeln konnte, wird damit auf absehbare Zeit wohl ein Einzelfall bleiben.

Andererseits bleibt der Bedarf für verbesserte Analyse-Systeme hoch. Die BCG-Experten etwa gehen davon aus, dass Pharmakonzerne theoretisch bis zu 280 Mill. Euro Entwicklungskosten pro Medikament einsparen können, wenn es ihnen gelingt, Forschungsdaten besser zu integrieren und Entscheidungsprozesse zu optimieren. In vielen Fällen seien dazu jedoch völlig neue Lösungsansätze und auch zusätzliche Daten erforderlich, so zum Beispiel umfassende Datenbanken zu den Kristallstrukturen von Proteinen. Vor diesem Hintergrund, schätzt BCG-Experte Dierk Beyer, "wird sich der Trend zum Outsourcing mittelfristig wieder verstärken."

Quelle: Handelsblatt

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