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Krankenkassen unter Druck

Auch wenn sich die Versuche staatlich verordneter Kostendämpfung bisher als wenig erfolgreich erwiesen haben, spielen Selbstbeteiligungen in der gesetzlichen Krankenversicherung bisher eine Nebenrolle.

dc DÜSSELDORF. Anders als in der privaten Krankenversicherung, die viele Formen finanzieller Selbstbehalte kennt, gibt es sie nur als Zuzahlungen zu Arzneimitteln und bei Zahnersatz. Ungeachtet kräftig steigender Beitragssätze münden politische Diskussionen über ökonomische Steuerungselemente im Gesundheitswesen stets in den Grundsatzstreit über Gefahren einer "Zwei-Klassen-Medizin".

Gesundheitsversorgung, so die Standardkritik, dürfe keine Frage des Geldbeutels sein. Selbstbeteiligung kann zwei Funktionen erfüllen: Zum einen ist sie schlicht ein zusätzlicher Beitrag der Versicherten, der die Finanzierung der Krankenkassen über Sozialabgaben ergänzt. Zum anderen ist sie ein Instrument gegen die "Nullkostenillusion" der Versicherten im Krankheitsfall. Denn wo Leistungen in voller Höhe aus dem großen Beitragstopf bezahlt werden, handelt jeder Patient nur individuell rational, wenn er möglichst viele Leistungen nutzt - mit der Folge, dass Ausgaben und Krankenkassenbeiträge für alle steigen. Im deutschen "Solidarsystem", das auf Sachleistung statt Kostenerstattung setzt, ist das Problem besonders ausgeprägt: die Patienten erfahren in der Regel gar nicht, was ihre Behandlung kostet. Es geht von der Idee aus, für alle (außer Selbstständigen, Beamten und gut verdienenden Arbeitnehmern) kollektiv eine einheitliche Versorgung sicher zu stellen.

Wirtschaftlichkeitserwägungen sind in diesem Konzept nicht Sache der Versicherten, sondern der Ärzte, Krankenkassen und der Politik. Die Selbstbeteiligungen in der gesetzlichen Krankenversicherung machen derzeit weniger als zwei Prozent der Gesamtausgaben von jährlich 130 Mrd. Euro aus; auch im Einzelfall sind sie per Härtefallklausel auf maximal zwei Prozent des Bruttoeinkommens begrenzt. Klar ist, dass für die Zukunft wirksamere Instrumente nötig sind, um Ansprüche und finanzielle Möglichkeiten in der beitragsfinanzierten Krankenversicherung in Einklang zu bringen. Denn wie bei der Rente bahnt sich auch im Gesundheitswesen ein anhaltender Kostenschub durch die Alterung der Gesellschaft an.

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