Kreativ suchen
Schon vor dem Massaker da sein

Zwei Drittel aller Stellen kommen gar nicht erst in die Zeitung: Mundpropaganda, eigene Recherchen und Kontakte über Veranstaltungen verhelfen am ehesten zum Job.

Zehn Jahre arbeitete Josephine Malak* als Bereichsleiterin Feinkost in einer Fleischwaren und Einzelhandels GmbH. Vergangenes Jahr meldete das Familienunternehmen mit 130 Mitarbeitern Konkurs an. Seither surft die Diplom-Kauffrau durch Online-Jobbörsen, spricht mit Personalberatern und verschickt Bewerbungen - bislang erfolglos.

"Ich möchte arbeiten," betont die 38-jährige Münchnerin und hat, "weil mir die Decke auf den Kopf fiel", in der Zwischenzeit als Sachbearbeiterin bei einer Krankenkasse angefangen. Die Zahl der Personalanzeigen in den überregionalen Tageszeitungen ist im Vergleich zum Vorjahr um über 40 Prozent eingebrochen. Nach Auskunft der Wirtschaftsdetektei Creditreform meldeten allein im ersten Halbjahr 34 600 Betriebe Insolvenz an und setzten rund 500 000 Angestellte auf die Straße.

Trotz der scheinbar aussichtslosen Perspektiven - die Chancen für Malak, einen Job zu finden, sind nicht so schlecht, wie sie aussehen. Sie müsste nur vielseitiger danach suchen. "Nur ein Drittel aller Stellenangebote landen auf dem offenen Stellenmarkt, also als Anzeige im Internet oder in Publikationen", schätzt Karriereberaterin Madeleine Leitner. Der Rest geht auf dem so genannten verdeckten Stellenmarkt unter der Hand weg.

Kreativ suchen bedeutet: "Da sein, bevor das Massaker um einen ausgeschriebenen Posten losgeht", rät Leitner. Vorher allerdings sollte sich jeder einer genauen wie ehrlichen Selbstanalyse unterziehen, in dem er seine eigenen Talente, Stärken, Wünsche und Werte abklopft. Ziel ist es herauszufinden: Was will ich? Was kann ich? Was deckt sich mit meinen Vorstellungen? Steht eine klar formulierte Marschrichtung fest, beginnt der Kandidat, mittels informeller Gespräche die zu ihm passende Firma oder Idee zu ermitteln.

Stehen drei bis fünf Ideen fest bzw. fünf bis 15 Firmen, beginnt der Jobsuchende, seine Lieblingsfirmen auszuspionieren. Er durchforstet Internet und Wirtschaftsdatenbanken, telefoniert mit Verbänden, mit der Konkurrenz, nimmt die Produktpalette oder die Dienstleistungen unter die Lupe, interviewt Verkäufer und fragt Freunde, Bekannte oder frühere Kollegen, ob sie jemanden in der Firma kennen, mit dem man sprechen könnte.

Dabei gilt es, nicht mit der Tür ins Haus zu fallen: "Der dickste Fehler ist zu sagen: ,Ich bin arbeitslos und brauche einen Job?", warnt Leitner und schlägt vor, subtiler nachzuhaken - etwa: "Ich bin dabei, meine berufliche Zukunft zu planen und habe verschiedene Ideen. Darüber würde ich mich gerne mit Ihnen als Experte unterhalten." Persönliche Empfehlungen öffneten am ehesten die Tür.

Tatsächlich laufen 30 Prozent aller erfolgreichen Jobvermittlungen über persönliche Seilschaften. Zu diesem Ergebnis kommt das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut der Hans-Böckler-Stiftung bei einer aktuellen Befragung von 2 407 Personen. Um sein Netzwerk nicht erst abstauben beziehungsweise fieberhaft aufbauen zu müssen, rät Karriere-Beraterin Ulrike Bergmann, alte Kontakte zu pflegen und auf jeder Veranstaltung mindestens drei neue zu knüpfen.

Wer zum Vorstellungsgespräch eingeladen wird, sollte weder den Bittsteller mimen noch den aufdringlichen Egozentriker, sondern sich als Problemlöser und Fachmann hervortun. "Mehr denn je sind Personalchefs, Abteilungsleiter und Firmenlenker an Nutzen interessiert, an der Frage: Was bringt mir diese Person und wie glaubwürdig ist sie", sagt Leitner. Wer das begriffen hat und sich entsprechend engagiert, kann sich auch innerhalb einer Firma von einem weniger attraktiven Job in eine gute Position katapultieren.

Diese Erfahrung hat etwa Dieter Müller* gemacht. Der 42-jährige IT-Projektplaner eines weltweit operierenden Technologiekonzerns und Hunderte seiner Kollegen erhielten eines Tages eine E-Mail-Anfrage des Vorstandes. Müller beantwortete die Mail und schilderte zusätzlich ein strategisches Problem und einen Lösungsvorschlag. Der Vorstand war so angetan, dass er Müller zu einem Gespräch einlud und dem Seiteneinsteiger ohne Abitur eine Stelle als Strategie-Berater anbot.

Doch nicht immer läuft der Wechsel so glatt, und nach Ansicht Leitners sollte jeder einen Plan B im Ärmel haben - ähnlich wie TV-Producerin Annette Eras. Nachdem ihr Chef durch Restrukturierungsmaßnahmen das fünfte Mal wechselte, verlor die 28-Jährige das Vertrauen in den Medienkonzern, bei dem sie Karriere machte. Bereits Montagmorgen in der S-Bahn fühlte sie sich urlaubsreif, surfte stundenlang im Internet, war gestresst und frustriert. "Doch statt zu gehen, weinte ich mich bei Freunden und Kollegen aus, weil ich Angst hatte, meinen Job und mein Prestige aufzugeben."

Als der Leidensdruck nach drei Jahren zu stark wurde, begann sie sich zu bewerben - allerdings ohne Erfolg. Schließlich machte sie sich, nachdem sie in Gesprächen mit Freiberuflern das Terrain abgecheckt hatte, als Producerin selbstständig und wundert sich heute, dass sie so lange gezögert hat.

*Name von der Redaktion geändert.

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