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Kreativ vernetzt

Computer und Internet schütteln die Musikindustrie kräftig durch. Und jetzt bekommen die Multis auch noch aus dem beschaulichen Tutzing Paroli geboten. Das neugegründete Plattenlabel "Paroli" will erstmals Musiker direkt über den Kapitalmarkt finanzieren - nach dem Vorbild der Filmfonds.

Computer und Internet schütteln die Musikindustrie kräftig durch. Seit Napster ist die Branche einiges gewohnt, und die Musikmultis suchen eine neue Daseinsberechtigung. Dienstleister für Kunden und Talente wollen sie jetzt sein, aber gerne auch weiter Finanziers. Denn das war bisher eine sichere Bank: Musikfirmen geben Risikokapital zur Vorfinanzierung junger Künstler und bekommen dafür die Vermarktungsrechte. Aus den Erträgen werden die Kredite zurückgezahlt, und dann wird geteilt. So läuft das Spiel.

Doch aus dem beschaulichen Tutzing am Starnberger See bekommen die Multis jetzt Paroli geboten. Das neugegründete Plattenlabel "Paroli" will erstmals Musiker direkt über den Kapitalmarkt finanzieren - nach dem Vorbild der Filmfonds. Die Vermarktung will das "virtuelle Plattenlabel" teilweise selbst übernehmen. Virtuell heißt hier, dass sich immer nur für einzelne Projekte Teams, verteilt über ganz Deutschland, zusammenfinden sollen - kein großer Apparat, keine festen Abteilungen mehr. Vernetzte Gruppen auf Zeit, gemessen an der Effizienz, jederzeit austauschbar. Die moderne Kommunikationstechnik machts möglich.

So jedenfalls der Traum des Initiators Leslie Mandoki, früher Sänger der Gruppe Dschingis Khan, heute Produzent mit eigenen Studios in Tutzing, Querdenker und Enfant terrible der Branche. Er nutzt aus, was Branchenriesen wie Universal, BMG oder Sony einst selbst zur Kostensenkung angestoßen haben: das Outsourcing ganzer Teile der Wertschöpfungskette an freie Teams und Mitarbeiter. Die Top Five wähnten sich sicher, weil sie weiter das Geld verteilten. Deutsche Banken und Kapitalmarkt haben sich vom hochriskanten Musikgeschäft bislang stets ferngehalten.

Mit Anlegergeld und der vogelfreien kreativen Infrastruktur will Mandoki die Bankfunktion der Musikriesen ein wenig ankratzen. Und Erfolg kann er auch gebrauchen. Denn die Computer- und Kommunikationstechnik ist nicht nur ein Freund in Tutzing. Längst werden Musikproduktionen auch über das Internet abgewickelt, Welthits werden am PC produziert. Für "echte" Tonstudios und Musiker wird der Markt enger. Also, sagt sich Mandoki, mache ich mir die Nachfrage selber. Denn die Nachwuchsstars sollen natürlich am Starnberger See ihre Songs aufnehmen. Kein Problem - solange es Hits werden.

Handelsblatt-Korrespondent Axel Postinett
Axel Postinett
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