Kreditinstitute sehen die Rendite der Bundesanleihen auf 4,80 % steigen
Banken setzen auf steigende Aktienkurse

Die Finanzhäuser lassen sich die Stimmung nicht verdrießen: Nach einem sehr schlechten Börsenjahr sehen sie die Aktienkurse in den kommenden zwölf Monaten wieder steigen. Ausländische Institute sind allerdings weiterhin vorsichtig gestimmt.

HB FRANKFURT/M. Nach drei Jahren mit immer wieder neuen Tiefstständen bei Aktien steckt die Börse in einer tiefen Vertrauenskrise. Anleihen gingen im direkten Vergleich immer wieder aufs Neue als Sieger aus dem Feld. Doch im nächsten Jahr soll alles anders werden: Nach Ansicht der Banken kann es zwar zunächst noch einmal zu Kursverlusten kommen; auf Sicht von zwölf Monaten geben die Analysten jedoch Entwarnung. Optimismus ist Trumpf. Das hat die traditionelle Umfrage des Handelsblatts zu den Finanzmarktaussichten für 2003 ergeben.

Zwar fällt es nach drei aufeinander folgenden Jahren mit steigenden Kursverlusten bei Aktien sichtlich schwer, sich weit aus dem Fenster mit Vorhersagen für die Börse zu lehnen, dennoch wagen es die Finanzhäuser. Nach den Prognosen von 32 befragten in- und ausländischen Banken wird der Deutsche Aktienindex (Dax) Ende nächsten Jahres bei 3 915 Punkten gesehen. Das entspräche einem Kursgewinn von über 30 %. Die aktuelle Verzinsung zehnjähriger Bundesanleihen, die als Stimmungsbarometer für den Euro-Rentenmarkt gelten, wird mit 4,80 % geschätzt. Sie würde damit knapp 0,6 Prozentpunkte steigen. Den Kurs des Euros sehen die Analysten im Durchschnitt bei 1,05 US-Dollar. Und für einen Greenback sollen im Vergleich zu heute wenig verändert 124 japanische Yen hingelegt werden müssen.

US-Investmentbanken etwas skeptischer

Die US-Investmentbanken sind wieder einmal etwas skeptischer eingestellt als die deutschen Konkurrenten. Mit dieser Haltung sind sie zuletzt auch gut gefahren. Der eindeutige Bulle unter den befragten Finanzhäusern ist die WGZ-Bank. Sie geht von einem Dax- Stand von 5 000 Punkten zum Jahresende 2003 aus. Das entspräche einem Plus von über 65 %. Das Spitzeninstitut der Volks- und Raiffeisenbanken geht davon aus, dass es im Irak-Konflikt entweder zu einer nachhaltig friedlichen Lösung kommt oder die USA schnelle militärische Erfolge erzielen. "Damit würde dem Markt ein Hauptbelastungsfaktor genommen", heißt es. Zudem gehen die Experten nicht von einem "double dip", also einer doppelten Konjunkturdelle, in den USA aus. Vielmehr wird ein moderates Wachstum sowohl in Amerika als auch in der Euro-Zone erwartet. Bei einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 19 als Durchschnittswert in den vergangenen zehn Jahren besteht für Aktien noch viel Raum für Kurssteigerungen. Das Dax-Ziel auf Sicht von sechs Monaten beträgt 4 700 Zähler. Wenn dann im Laufe des zweiten Halbjahrs noch die geschätzten Unternehmensgewinne für 2004 schrittweise eingepreist würden, die deutlich über denen im nächsten Jahr lägen, dann seien auch etwas höhere Kurse machbar.

Ähnlich sieht es die Bankgesellschaft Berlin: Sie setzt ebenfalls auf eine kurze militärische Auseinandersetzung. Danach werde sich die Zurückhaltung bei Investitionen und im Konsumbereich auflösen. Dies komme den Aktienmärkten zugute. Der Ölpreis werde bereits kurz nach dem Beginn eines Krieges deutlich fallen, da erwartet werde, dass die Amerikaner bereits nach kurzer Zeit die Kontrolle über die Ölreserven des Iraks haben werden. In einer Übertreibungsphase sei durchaus ein Einbruch des Ölpreises um 10 US-Dollar je Fass (159 Liter) möglich.

Auch die ING BHF-Bank versprüht Optimismus und spricht von einem aktienfreundlichen Umfeld. Die US-Börse als Leitmarkt der Welt bei Aktien würde sich im Verlauf von 2003 freundlicher entwickeln, wenn die schon im "laufenden Jahr spürbar gewordene Erholung der Konjunktur und der Unternehmensgewinne an Fahrt gewinnt". Zudem habe sich in den letzten Wochen auch die technische Verfassung des Marktes deutlich verbessert. Trotz aller Zuversicht, ein Damoklesschwert hängt nach Ansicht der Analysten jedoch über der Börse: Neben einem Golfkrieg zählt ING BHF-Bank auch die Entwicklung in Lateinamerika dazu. Komme es hier zu einem Zahlungsausfall, könne sich das schnell auf andere lateinamerikanische Länder ausweiten. Solche Schwierigkeiten könnten ein positives Börsenszenario über Monate blockieren.

Kurs- bzw. Bonitäts-Risiken klar geworden

Für den Aktienmarkt spricht nach Ansicht der Baden Bank-Württembergischen auch, dass den Anlegern in diesem Jahr die mit einem Engagement in Staats- und Unternehmensanleihen verbundenen Kurs- bzw. Bonitäts-Risiken klar geworden seien. Umschichtungen aus anderen Anlageformen (Geldmarkt) dürften einen Aufwärtstrend bei Aktien unterstützen, urteilt die Hypo-Vereinsbank. Auch die erwartete Gewinnentwicklung sorgt für Unterstützung: "Nach einem Gewinneinbruch in 2001 und der Bereinigung der Bilanzen im laufenden Jahr wird der Basiseffekt zu einem Anstieg der Unternehmensgewinne um rund 15 % in 2003 führen. Dieses werden die Börsen frühzeitig vorwegnehmen", meint SEB.

Anders sehen das die US-Investmentbanken mit Merrill Lynch an der Spitze. Gerade im ersten Halbjahr 2003 sollen die Erwartungen an die Entwicklung der globalen Märkte getrübt bleiben - das gelte besonders für stark von zyklischen Unternehmen geprägten Börsen wie Deutschland. Für die Anleger dürften negative Seiten wie niedriges Wirtschaftswachstum, schlechtere Gewinnperspektiven, hohe Aktienbewertungen und geopolitische Probleme im Vordergrund bleiben. Im Jahresverlauf sei dann mit einer Verbesserung zu rechnen, die Chancen für steigende Profite verbesserten sich und es gebe mehr Klarheit, wo die Reise in 2003 hingehe. HSBC Trinkaus & Burkhardt befürchtet zu hohe Gewinnschätzungen der Analysten für das nächste Jahr. Das werde belasten.

Niedrige Zinsen erwarten neben CSFB auch Trinkaus und UBS Warburg. Das Urteil von UBS: "Psychologisch dürfte die Preisentwicklung in Deutschland von herausragender Bedeutung sein. Obwohl wir das Risiko einer Deflation hier zu Lande als nicht überwältigend hoch ansehen, werden diesbezügliche Sorgen die Marktpsychologie wahrscheinlich noch längere Zeit beeinflussen, so dass das Zinsniveau niedrig bleiben sollte." Die Inflation in Deutschland werde unter 0,5 % fallen. Hingegen rechnet die Berenberg Bank mit einem Renditeanstieg für zehnjährige Bundesanleihen. Ausreißer nach oben seien nicht ausgeschlossen. Versicherer hätten eine geringe Risikotoleranz in ihren Rentenportfolios. Einflüsse der Terminmärkte könnten deshalb zu Extrembewegungen führen. Auch die Landesbank Baden-Württemberg rechnet mit einem deutlichen Zinsanstieg. Da der Kapitalmarkt derzeit einen Rückfall in die Rezession einpreise, sei das Potenzial für steigende Renditen erheblich.

Von einem kräftigen Wertgewinn des Euros geht nicht nur UBS Warburg, sondern etwa auch die Weberbank aus. Sie rechnet mit einer Fortsetzung der Abwertungsspirale von Dollar und Yen gegenüber dem Euro. Die Bayerische Landesbank setzt hingegen auf einen stärkeren Dollar: "Die USA dürften 2003 eine neue steuerpolitische Offensive starten, nicht zuletzt im Hinblick auf die in weniger als zwei Jahren anstehenden Präsidentschaftswahlen." Gute Wachstumsaussichten dürften den Dollar stärken.

Einen schwächeren Yen sagt Vontobel vorher. Es sei kein Ende der wirtschaftspolitischen Probleme Japans zu sehen. Die konjunkturpolitische Entscheidungsschwäche der japanischen Regierung habe offensichtlich an Einfluss gewonnen. Dem können z.B. CSFB, UBS und Pictet nicht beipflichten. Sie erwarten einen stärkeren Yen.

Robert Landgraf
Robert Landgraf
Handelsblatt / Chefkorrespondent Finanzmärkte
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