Kreditinstute mit großem Privatkundengeschäft besonders bevorzugt
Billige Bankaktien bieten Chancen

Nach den Kurseinbrüchen an den Börsen setzen Aktien-Strategen auf Bankaktien. Das Hauptargument: Die Titel sind niedrig bewertet. Dies gilt auch für deutsche Kreditinstitute. Fundamental spricht indes noch nicht viel für die Geldbranche. Die Gewinne bröckeln, und eine Besserung der Ertragslage ist frühestens im nächsten Jahr in Sicht.

HB FRANKFURT. Ende vergangener Woche ging es plötzlich aufwärts: Kaum zog der Internationale Währungsfonds seinen Mega-Kredit für Brasilien aus der Tasche, legten Europas Finanztitel zu. Vor allem Banken mit Groß-Engagements in Südamerika hoben ab, darunter Santander und BBVA in Spanien oder ABN Amro. Aber auch der Rest der Branche profitierte davon, dass die Gefahr einer Finanzkreise in Brasilien gebannt zu sein scheint.

Solch gute Nachrichten sind für die Branche aber rar. Im Gegenteil: Die Halbjahreszahlen bestätigten zumeist die unguten Ahnungen der Analysten. Europaweit müssen die Institute die Risikovorsorge aufstocken, weil immer mehr Firmen pleite gehen. Zugleich sieht es wegen der Konjunkturflaute auf der Einnahmenseite Mau aus. Besserung ist nicht in Sicht. "Viele Banken trauen sich keine Ertragsprognose mehr zu", beobachtet Sebastian Reuter von Helaba Trust. Und wenn die Bankenchefs etwas sagten, waren es meist Gewinnwarnungen. In Deutschland ließen sowohl die Hypo-Vereinsbank (HVB) als auch die Commerzbank durchblicken, dass sie ihre Ertragsziele womöglich verfehlen.

Kein Wunder also, dass Bankaktien in den vergangenen Wochen unter Druck gerieten, nachdem sie das Börsenunwetter lange Zeit recht gut überstanden hatten. Besonders hart traf es die deutschen Institute, die nach Berechnungen von Sal Oppenheim in den vergangenen vier Wochen das Schlusslicht in Europa bildeten: Die HVB büßte mal eben zwei Fünftel ihres Börsenwertes ein, die Commerzbank fast ein Drittel.

Doch gerade nach dem Ausverkauf schöpfen manche Profis wieder Hoffnung. Die Investmentbank Lehman etwa erhöhte kürzlich den Anteil der Banken an ihrem europäischen Musterportefolio: Nach den Kursverlusten wiesen die Banken die niedrigsten Bewertungen an den Börsen auf. Auch die Berenberg Bank sieht bei Europas Banken "Erholungspotenzial".

Freilich stützen sich die Optimisten noch vornehmlich auf die niedrige Bewertung. Firmenspezifische Gründe, etwa in Form einer markanten Verbesserung der Ertragslage, spielen bisher nur eine geringe Rolle. Die Strategen der Commerzbank, die Banken auf Grund ihrer Bewertung ebenfalls als "sehr attraktiv" einstuft, weisen denn auch darauf hin, dass die Titel momentan sehr stark von der generellen Marktstimmung bewegt werden. Im Klartext: Wer an eine generelle Börsen-Erholung glaubt, könnte mit Bankaktien gut bedient sein.

An eine rasche Verbesserung der Bank-Bilanzen glauben dagegen nur wenige Beobachter. Analyst Reuter geht sogar davon aus, dass die Zahlen im zweiten Halbjahr noch schlechter ausfallen als in den ersten sechs Monaten. Denn die Institute müssten die Risikovorsorge wegen der Konjukturflaute noch einmal aufstocken. Zwar könnten viele Banken die Kosten mittlerweile begrenzen, doch gleiche dies den Ertragsverfall noch nicht aus. "Es ist noch zu früh, die Branche heraufzustufen", sagt Reuter, der die Branche mit neutral bewertet.

Anders sehen das die Analysten von Sal Oppenheim. Sie stufen die Branche als "Outperformer" ein und trauen den Banken in 2003 einen Anstieg des operativen Gewinns um 25 % zu, vor allem wegen des Rückgangs der Risikovorsorge. Wer schon jetzt darauf spekulieren will, sollte nach Meinung von Analysten "Retail-Banken" ins Auge fassen, also Institute mit einem starken Standbein im Privatkundengeschäft. Diese Sparte leidet weniger unter der Konjunkturflaute als das Firmenkundengeschäft und das Investmentbanking. Reuter favorisiert die italienische Bank Unicredito, die als typische Retail-Bank die Flaute an den Kapitalmärkte recht gut umschiffen könne. Zudem könne die Bank durch interne Umstrukturierungen die Kosten weiter senken.

Auch die französische BNP Paribas, deren Aktie nach einer Analyse von Sal Oppenheim besonders oft empfohlen wird, hat ihre Stärke im Massengeschäft. Die Analysten von Credit Suisse First Boston machen sich derweil für ABN Amro und die britischen Banken Halifax Bank of Scotland und Royal Bank of Scotland stark. Englische Institute sind beliebt, gelten sie doch wegen ihre hohen Dividendenrendite als "defensiv" . Die spanischen Banken Santander und BBVA fokussieren sich zwar auch auf das Retailgeschäft, doch lastet auf ihnen immer noch ihr starkes Engagement in Lateinamerika.

Auch deutsche Banken tauchen vor allem bei hiesigen Analysten auf den Empfehlungslisten auf. Dies ist insofern überraschend, als die deutschen Banken weit weniger profitabel sind als die ausländische Konkurrenz. "Aber so schlecht, wie sie im Moment bewertet werden, sind sie auch wieder nicht", sagt Alexander Plenk von der Bankgesellschaft Berlin. So habe die Deutsche Bank trotz des schlechten Marktumfelds im zweiten Quartal Handelsergebnis und Provisionseinnahmen gegenüber den ersten drei Monaten verbessert. Auch bei der Kostenkontrolle komme der Branchenprimus voran.

Niedrig bewertet wird aber vor allem die HVB, die die Börsen Ende Juli mit unerwartet schlechten Quartalszahlen schockte. MM Warburg rät zum Kauf, denn die Aktie notiere mit 21 Euro jetzt weit unter ihrem Buchwert von 34,5 Euro. Keine Rolle spielten an der Börse gestern die jüngsten Gerüchte über eine Übernahme der Commerzbank durch die HVB. "Diesen Quatsch habe ich in unserer Morgenkonferenz gar nicht erst kommentiert", verweist Plenk die Spekulationen in das Reich der Phantasie.

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