Kreditkrise
Der baltische Tiger lahmt

Noch vor einem Jahr boomte die baltische Wirtschaft: Mit sieben bis zehn Prozent Wirtschaftswachstum standen Estland, Lettland und Litauen an der Spitze Europas. Doch die Kreditkrise ist nun auch am Baltikum angekommen - und könnte die erfolgreichen Kleinstaaten in die Rezession stürzen.

TALINN/RIGA. Das schmucke Einfamilienhaus in der Enkura Iela in Riga steht leer. Und das nicht erst seit gestern. Ein Schild mit der Aufschrift "Pardods", "zu verkaufen", prangt seit mehr als einem halben Jahr am Gartenzaun. Attraktive Lage, unweit von der mittelalterlichen Altstadt, ein paar hundert Meter vom Fluss Daugava entfernt. Und doch will niemand zuschlagen. 750 000 Euro für gut 160 Quadratmeter - das ist wohl selbst den sonst nie klammen russischen Geschäftsleuten zu viel. Das Verkaufs-Schild ist in den vergangenen Wochen zweimal gegen ein noch auffälligeres ausgetauscht worden.

"Die Buchstaben werden immer größer, die Preise immer kleiner", sagt ein Makler zum Markt in der lettischen Hauptstadt. Das einstige Boomland ist zusammen mit dem Nachbarn Estland nahezu ungebremst in die Krise geschlittert. Lohnsteigerungen von bis zu 30 Prozent im vergangenen Jahr haben die Inflation in Lettland auf 17,5 Prozent schnellen lassen. Ein Europarekord. Auch Estland steht mit zu erwartenden 10,6 Prozent nicht viel besser da. Nur in Litauen, wo auch die Boom-Jahre etwas magerer ausfielen, hält sich die Inflation mit rund 5,2 Prozent in diesem Jahr noch in Grenzen.

Die internationale Finanzkrise ist auch in den baltischen Staaten angekommen. Die Volkswirtschaften, die noch vor einem Jahr mit Wachstumsraten von sieben bis zehn Prozent ganz an der Spitze der EU-Länder standen, werden nach mehreren Prognosen in diesem Jahr nahezu mit einem Null-Zuwachs rechnen müssen. Ausnahme ist Litauen, das auch im laufenden Jahr noch auf ein Wachstum des Bruttoinlandsproduktes von rund 5,5 Prozent hoffen darf.



Die schnelle Wende kam selbst für Experten überraschend. Von einer Vollbremsung oder gar einer harten Landung will Estlands Zentralbankchef Andres Lipstock natürlich nichts wissen. Gegenüber dem Handelsblatt räumte er zwar ein, dass die Inflation von rund zehn Prozent "unser größtes Problem" ist, widersprach aber vehement dem Risiko einer harten Landung. "Es wird eine recht weiche Landung geben", sagte er. Sein Vorgänger, Vahur Kraft, ist da ganz anderer Meinung. "Wir sprechen jetzt von Stagnation oder im schlimmsten Fall von einer Rezession", so Kraft, der heute Chef der schwedisch-finnischen Bank Nordea in Estland ist.



Um Schadensbegrenzung sind jetzt diejenigen bemüht, die zum großen Teil an der jetzigen Situation schuld sind: Die Banken versuchen seit einigen Monaten die Kriterien für ihre Kreditvergabe drastisch zu verschärfen. Vornehmlich schwedische Institute wie die beiden baltischen Marktführer SEB mit ihrer Tochtergesellschaft Unibanka und die Swedbank mit ihrer Hansabank haben während der Boomphase allzu leichtfertig Kredite an die Leute verteilt.

Besonders bedenklich sieht es für die SEB aus. Die Bank hat in den drei baltischen Ländern insgesamt 170 Mrd. Kronen (18,1 Mrd. Euro) ausgeliehen. Mittlerweile hat die Stockholmer Zentrale die Notbremse gezogen und mehr oder minder die Kreditvergabe gestoppt. Außerdem hat sie eine Task Force gebildet, die baltischen Unternehmen schon frühzeitig vor einer eventuellen Insolvenz schützen soll. "Es war in der Vergangenheit einfach zu leicht, Kredite von den Banken zu bekommen", sagt Rain Tamm von der estnischen Investmentbank Gild Bankers in Tallinn, "die Banken werden Abschreibungen vornehmen müssen."

Darüber, wie leichtfertig Kredite in den vergangenen Jahren vergeben wurden, berichtet regelmäßig Rein Sikk, Redakteur bei der estnischen Tageszeitung Eesti Päevaleht. Seit einigen Monaten schreibt er über Opfer von sogenannten SMS-Krediten. Rund 60 000 Esten sind danach Kredithaien in die Fänge gegangen, haben per SMS bei lichtscheuen und zumeist branchenfremden Unternehmen Kleinkredite per Handy und einem schnellen Daumen beantragt. "Fünf Minuten dauert es, und das Geld ist auf dem Konto", sagt Reporter Sikk. Die Kreditnehmer haben dabei teilweise Zinsen von mehreren hundert Prozent in Kauf genommen. "Manchmal, nur um ihre normalen Hypotheken bei den traditionellen Banken amortisieren zu können", sagt Sikk. Sollte ein Kreditnehmer säumig werden, treiben die Inkassounternehmen, die oftmals Töchter der SMS-Kredit-Firmen sind, die Schulden skrupellos wieder ein.

"Diese SMS-Kredite sind ein echtes Problem", sagt auch Viljar Arakas, bis vor kurzem Chef des größten estnischen Bau- und Maklerunternehmens Arco Vara. Viele seiner ehemaligen Konkurrenten hätten Neubauten abgebrochen, da den potenziellen Käufern das Geld ausgegangen sei. Die Immobilienpreise seien in den vergangenen sechs Monaten durchschnittlich um zehn Prozent gesunken. Und noch, so der Experte, sei kein Ende der Talfahrt abzusehen.

So bleibt wohl auch Makler Majaekspert Kinnisvara auf seiner 78,6 Quadratmeter großen Wohnung für 304 000 Euro außerhalb der Tallinner Altstadt sitzen. Vielleicht wechselt er erst ein Mal das Verkaufsschild.

Helmut Steuer berichtet für das Handelsblatt aus Skandinavien. Regelmäßig ist er auch in der Ukraine unterwegs.
Helmut Steuer
Handelsblatt / Korrespondent
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