Kreditwirtschaft erwartet Zinsschritt
Konjunktur-Boom zwingt EZB zum Handeln

Die deutsche Kreditwirtschaft rechnet für diesen Donnerstag fest mit einem Zinsschritt der EZB.

dpa FRANKFURT/M. Der unerwartet kräftige Aufschwung in Europa zwingt die Währungshüter schnell zum Handeln. Die deutsche Kreditwirtschaft rechnet bereits für diesen Donnerstag fest mit einem weiteren Zinsschritt der Europäischen Zentralbank (EZB) und sieht das Ende der Fahnenstange längst nicht erreicht. Nach Einschätzung der Deutschen Bank steht der wichtigste Leitzins für die elf Euroländer von 3,75 Prozent "nicht in Einklang mit der Konjunkturdynamik", heißt es in einer neuen Studie des Branchenprimus, die am Mittwoch in Frankfurt vorgestellt wurde.

Bis Ende 2000 rechnet die Deutsche Bank mit einer Anhebung des wichtigsten EZB-Zinses auf 4,5 Prozent. Im Laufe des Jahres 2001 könne dieser Zinssatz sogar auf 5,5 Prozent ansteigen, sind die Volkswirte des Geldriesen überzeugt. Grund für dieses Szenario sind vor allem die glänzenden Wachstumsaussichten für die europäische Wirtschaft, die den Preisauftrieb beschleunigen. "Die Konjunkturdynamik in Europa ist beachtlich. Fast überall liegen die Wachstumsraten bislang über den Erwartungen", sagte der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Prof. Norbert Walter , in Frankfurt.

Bereits für 2000 werde die Wirtschaft in Euroland im Schnitt um rund 3,75 Prozent wachsen - so stark wie seit Ende der 80er Jahre nicht mehr. 2001 werden nach Einschätzung seines Hauses mindestens 3,5 Prozent hinzukommen. Deutschland werde dabei voraussichtlich nur knapp unter dem Durchschnitt liegen. Die florierende Weltkonjunktur sowie der niedrige Euro-Kurs zu $, Pfund und Yen haben den europäischen Unternehmen in den ersten Monaten 2000 einen ungeahnten Exportboom beschert.

Auf Grund der sinkenden Arbeitslosigkeit im Euroraum und steigender Einkommen erwartet das Institut im kommenden Jahr zudem einen kräftigen Schwung beim privaten Konsum. "Die Binnennachfrage löst 2001 den Export als Konjunkturmotor ab." Überhaupt werden die Arbeitnehmer nach Überzeugung der Volkswirte vom erwarteten langen Aufschwung profitieren. Allein für 2000 und 2001 rechnen sie mit dem Aufbau von mehr als vier Mill. neuen Arbeitsplätzen in Euroland. Bis Ende 2001 werde die Zahl der Arbeitslosen um "mindestens zwei Mill." abnehmen. Die Arbeitslosenquote könnte demnach von 9,4 Prozent (März 2000) bis dahin auf unter acht Prozent sinken.

Das günstige Konjunktur-Klima könnte sich bei den Arbeitnehmern außerdem in den Geldbörsen niederschlagen. Die Deutsche Bank rechnet damit, dass nach zuletzt moderaten Lohnabschlüssen bei den Entgelten bald wieder ein stärkerer Aufwärtstrend einsetzen könnte. Zusätzlich zu den ohnehin bestehenden Inflationsrisiken - die Deutsche Bank erwartet 2000/2001 im Schnitt zwei Prozent Teuerung - brächte dies allerdings die EZB-Spitze um Präsident Wim Duisenberg mittelfristig in die Bredouille: weitere Zinsschritte wären unausweichlich.

Entspannung könnte jedoch vom zuletzt schwer angeschlagenen Euro kommen. Wenn die Gemeinschaftswährung ihren Aufschwung der letzten Tage nämlich fortsetzt und die Explosion der Ölpreise aufhört, könnte dies zumindest den Import von Inflation abschwächen. Allerdings: Die meisten Volkswirte am Bankenplatz Frankfurt warnen angesichts der jüngsten Lebenszeichen des Euro an den Devisenmärkten vor übereilter Vorfreude. "Da kann noch ein Abrutschen kommen", sagt DG Bank - Chefvolkswirt Michael Heise . Auch Walter gießt Wasser in den Wein: "Das kann noch längst nicht als Wende bezeichnet werden."

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