Kreditwirtschaft
Kommentar: Rückenwind

Ist die Bankenkrise beendet? Hat es Anfang dieses Jahres eine echte Bankenkrise, wie sie zuvor in den Geschichtsbüchern nur im Jahr 1931 protokolliert worden war, überhaupt gegeben? Ist die Trendwende endlich geschafft? Diese Fragen drängen sich auf, nachdem die Commerzbank mit einem positiven Ergebnis für das erste Quartal 2003 überrascht hat. Die meisten Analysten hatten auf einen Verlust getippt, nachdem die drittgrößte deutsche Geschäftsbank für 2002 erstmals rote Zahlen gemeldet hatte.

Die Antworten auf diese Fragen können sich nicht auf ein klares Ja oder Nein beschränken. Der Blick auf die reale Lage der Branche, die einzelnen Institute und die nun teilweise vorliegenden Quartalsergebnisse ermöglicht ein differenziertes Bild, das noch keinen Grund zum Jubeln liefert. Fazit: Die akute Gefahr, dass kapital- oder ertragsschwache Bankenkolosse auf Grund interner oder externer Anlässe ins Wanken geraten, scheint vorerst gebannt. "Wir haben wieder festen Boden unter den Füßen", hieß es erleichtert in der Top-Etage eines Frankfurter Wolkenkratzers. So bescheiden sind die Banker geworden.

Zur Entwarnung besteht allerdings noch kein Anlass. Bankmanager, Aktionäre, Kreditnehmer und Aufseher sollten in Alarmbereitschaft bleiben: Ein kleiner Commerzbank-Gewinn im Frühling verheißt noch keinen Power-Sommer für die angeschlagene Kreditwirtschaft. Die Warnung des obersten deutschen Bankenaufsehers wegen der "sehr problematischen Ertragslage" ist erst eine Woche alt. Und keiner kennt die Situation besser als der Chef der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht, Jochen Sanio, der sich über Monate mit öffentlichen Äußerungen zurückgehalten hat, um nicht zusätzlich Öl ins Feuer zu gießen.

Dennoch: Das Schlimmste scheint zunächst überstanden. Der Gesundschrumpfungsprozess der letzten zwei Jahre, der Zehntausende von Mitarbeitern den Job kostete, trägt offenbar erste Früchte. Die Betriebskosten sinken, das Volumen der faulen Kredite ufert nicht weiter aus, die Margen stabilisieren sich. Für Rückenwind von außen sorgte die Erholung an den Aktienbörsen, die den Wertpapierhandel belebte und die "stillen Lasten" im Beteiligungsportfolio reduzierte. Die Commerzbank hat damit ihre Kapitalbasis etwas verbessern können, und auch bei der HVB dürfte dies positive Spuren hinterlassen. Die Commerzbank macht sich daher schon wieder auf die Suche nach neuen Kreditkunden - der Mittelstand wird es gerne hören.

Dies alles ändert aber nichts daran, dass in den Banken auch künftig kräftig gespart werden muss. Wegen der anhaltenden Pleitewelle und der Rezessionsgefahr ist weiterhin Krisenmanagement angesagt. Nicht auszudenken, was passieren würde, wenn die Aktienkurse erneut auf Talfahrt gingen. Ob Deutsche oder Dresdner Bank, Commerzbank oder HVB, Sparkassen, Landesbanken und Genossenschaftsbanken - für alle gilt: Die strukturellen Probleme, die sich in der verwöhnten und verkrusteten Branche aufgehäuft haben, sind erst in Ansätzen gelöst. Viel Arbeit steht noch bevor, um die Ertragskraft der internationalen Wettbewerber zu erreichen. Ob die Banken die Kurve kriegen, hängt vor allem davon ab, ob sie eines Tages auch in schlechten Zeiten nennenswerte Gewinne erwirtschaften.

Hermann-Josef Knipper
Hermann-Josef Knipper
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