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Krieg der Palmtops

Wer an Hightech und die US-Streitkräfte denkt, dem fallen zuerst computergesteuerte Raketen und Satellitenüberwachung ein. Fast ebenso wichtig für Soldaten im Nachschub-Bereich genau wie an der Front sind aber Handteller-Computer geworden.

WALL STREET JOURNAL / HANDELSBLATT

Wo sich der Zerstörer USS McFaul derzeit befindet, ist streng geheim. Was er tut, nicht: Er feuert Tomahawk-Raketen in Richtung Afghanistan. Damit ist er nur ein kleines Rädchen im Gegenschlag der US-Armee, und doch nimmt das Schiff eine Sonderstellung ein - es testet eine ungewöhnliche neue Waffe: Kleinstcomputer der Marke Palm.

Rund die Hälfte der 300 Mann an Bord besitzen einen der handflächengroßen Helfer, an 32 Stellen im Schiff können sie die Geräte eindocken und den Datenbestand abgleichen, ihre E-Mails abfragen und den Tagesplan für das gesamte Schiff aktualisieren.

Außerdem hat jeder Palm die entsprechende Software, um routinemäßige Überprüfungen einzelner Teilbereiche zu unterstützen. Anwender gibt es immer mehr: Gefreite an Bord erhalten nach Abschluss ihrer Grundausbildung inzwischen Handhelds zum persönlichen und dienstlichen Gebrauch.

"Wir sind im 21. Jahrhundert und brauchen Geräte, mit denen es leichter ist, Daten zu übermitteln und zu kommunizieren", erklärt Commander Terry Sutherland von der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit der US-Atlantikflotte.

Und das nicht nur auf Schiffen: Handflächen-Computer, Handhelds in der Fachsprache, sind zum wichtigen Hilfsmittel bei den Angriffen auf Afghanistan geworden. Auch die Kommandotruppen auf dem Boden dürften Geräte in ihren Rucksäcken haben.

US-Armee nutzt Handhelds für Logistik und Kampfeinsatz

Die amerikanische Armee hat die Vorteile schon früh erkannt: Handhelds sind leichter und günstiger als Laptops und somit ideal für Einsätze im logistischen Bereich auf Schiffen und Flugzeugen aber genauso im Kampfeinsatz - eben überall, wo wenig Platz vorhanden ist und Gewicht einen entscheidenden Faktor darstellt.
Seriengeräte überleben allerdings nicht lange im Rucksack. Die US-Armee hat deshalb Spezialvarianten in Auftrag gegeben, die extreme Temperaturen aushalten, wasser- und staubdicht sind und auch einen Fall auf Steinboden überstehen.

Auch an Programmen wird heftig gearbeitet. Das Armee-Systemhaus Space and Naval Warfare Systems Centre gründete eine eigene Sektion, die sich nur mit neuen Einsatzmöglichkeiten von Handhelds beschäftigt. Zusammen mit Software-Herstellern wie Warrior Solutions entwickelte dieses Team bisher neun eigene Programme für den soldatischen Alltag, vom Hitzesuch- bis zum Kartografie-System. Weitere sollen bald folgen.

Zu den Gerätelieferanten gehören nicht nur Palm und Erzrivale Handspring, sondern auch Spezialisten wie Symbol Technologies oder Paravent Computer Systems, die Armee-spezifische Modelle produzieren. "Die Armee hat klar gesagt: Unsere Soldaten sollen dem Gegener in Sachen Information überlegen sein", sagt Paravent-Präsident Rick McNeight. Sein Unternehmen produziert drei Varianten von Handhelds für taktische Einsätze.

Schon als die ersten Palms auf den Markt kamen, investierten die Streitkräfte. Zunächst nur, um Lager und Logistik besser zu verwalten, sagt Beth Mason, Analystin beim Space and Naval Warfare Systems Center: "Sie haben die Effizienz erheblich gesteigert."

Mit stärkeren Batterien und immer neuer Software unternahmen Armee und Marine immer neue Versuche, die Geräte für sich zu nutzen. Zwischen 30 000 und 50 000 Geräten hat Palm - Mutter aller Handflächen-Computer - inzwischen allein an die US Marine verkauft, 25 000 bis 30 000 gingen an die Landstreitkräfte. Und die Verkäufe nehmen drastisch zu: "Der Großteil der Bestellungen ging in den vergangenen anderthalb Jahren ein", sagt John Inkley, Palms zuständiger Vertriebsmanager.

Während in Unternehmen die handlichen Mini-Computer vor allem zur Informationssammlung und-verteilung genutzt werden, gehen die Einsatzmöglichkeiten der eigens für Kampreinsätze entworfenen Geräte weiter.

Paravents Modell RHC-500, bestehend aus extrem schlagfestem Kunststoff und bestens gegen elektromagnetische Strahlung, Verschmutzung und Pilzbefall geschützt, kann Truppenbewegung verfolgen. Der verlängerte RHC-2000 ist aufgerüstet mit Verschlüsselungstechnologie und dient zur Übertragung von Missionsdetails an Kommandotruppen, wie sie auch schon in Afghanistan eingesetzt werden. Der Paravent Leopard dagegen hilft bei der Zielerkennung durch Anschlussmöglichkeit für ein Laser-Fernglaser. Paravents Präsident McNeight will sich nicht zu Details über konkrete Einsätze der Geräte äußern. Sie seien aber, "front-geeigenete Modelle, die zum Inventar der US-Armee gehören". Mehrere hundert Handhelds habe Paravent bereits an die Streitkräfte verkauft, weiter tausend seien bestellt.

Der an der Nasdaq notierte Hersteller Symbol Technologies erhielt vom Verteidigungsministerium schon 1999 einen Großauftrag im Wert von 248 Mill. US-$. Symbol produziert größere Handhelds, vergleichbar mit den Geräten Kartenkontrolleuren in Zügen der Deutschen Bahn. Die Armee bestellte vor allem eine Variante mit Magnesium-verstärktem Rahmen und eines mit einem herausragenden Griff.

Beide Modelle können zur Lagerverwaltung genutzt werden, auch das Aufstecken eines Scanners zum Lesen von Strichcodes ist möglich. Die Aufzeichnung von Truppenbewegungen ist ebenfalls eine Einsatzvariante. Genaueres ist aber bei Symbols Vize-Präsident Brian O?Donnel nicht zu erfahren - aus Sicherheitsgründen.

Niedrige Ausrüstungskosten bei Handhelds

Verglichen mit den meisten anderen Ausrüstungsteilen für Soldaten sind die Kosten der Handhelds eine Kleinigkeit: Einfache Palm-Modelle gibt es bereits für 150 US-$, sie sind im Logistik-Bereich problemlos einsetzbar. Symbols Top-Modelle kosten rund 1 250 US-$, Paravent verlangt zwischen 600 US-$ und 750 US-$ - mit entsprechendem Rabatt für Großkunden wie das Verteidigungsministerium.

Doch manchmal sind es gerade die einfachsten Ausführungen, die den größten Nutzen bringen. So gibt es an Bord der USS McFaul nur wenige PC. Folge: Seeleute, die E-Mails mit Familie oder Freunden austauschen wollen, müssen oft in langen Schlangen warten.

Wer dagegen über einen Palm verfügt kann seine Mails an einer der Andock-Stationen im Schiff abrufen, lesen wann immer er mag und die Antworten ebenfalls an der Station abschicken. Navy-Sprecher Sutherland berichtet von begeisterteten Nutzern: Das System ist "eine Moral-Rakete".

Thomas Knüwer
Thomas Knüwer
Handelsblatt / Reporter
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