Krieg gegen Irak weckt „schlafende“ Terroristen: Arabische Welt befürchtet „Tausende von bin Ladens“

Krieg gegen Irak weckt „schlafende“ Terroristen
Arabische Welt befürchtet „Tausende von bin Ladens“

Libyens Revolutionsführer Muammar Gaddafi weiß es, der Papst befürchtet es und viele Experten in der arabischen Welt sehen es kommen: Der Irak-Krieg könnte eine Kettenreaktion terroristischer Anschläge rund um die Welt auslösen.

HB AMMAN/KAIRO. Gaddafi warnte unlängst: "Der Terrorismus kann zur Geißel der Menschheit werden. Da dürfte noch manches Pulverfass explodieren."

Er ist nicht der Einzige, den dieser Gedanke quält. Die Regierungen der arabischen Welt fürchten vor allem Anschläge auf westliche Ausländer. Was sie nicht offiziell sagen, erklärt der Präsident der Islamischen Aktionsfront (AIF) in Jordanien, Scheich Hamza Mansour: "Ich fürchte, dass einige westliche Zivilisten, ohne eigenes Verschulden, als Reaktion auf die Politik ihrer Regierungen verletzt werden." Gleichzeitig sagt der Führer der Partei, die mit friedlichen Mitteln Politik betreibt, voraus, dass eine Besetzung Iraks "populäre Organisationen" hervorbringen wird, die noch radikaler sein könnten als El Kaida. Da der Widerstand gegen eine US-Besatzung eine "nationale und religiöse" Pflicht sei, könnten US-Interessen weltweit Ziele von Anschlägen werden.

Auch in Ägypten zeigen sich Experten extrem besorgt. "Die Islamisten dürften einen richtigen Schub erfahren", sagt der Leiter des Al-Ahram-Zentrums für Politische und Strategische Studien in Kairo, Abdel Monem Said, dem Handelsblatt. "Für sie ist der Krieg ein sichtbarer Ausdruck eines Konflikts zwischen den Zivilisationen." Der Politikwissenschaftler ist beileibe nicht der Einzige, der in der Region ein Wiederaufleben des Terrorismus befürchtet. Das Land am Nil hatte nach den Anschlägen auf Touristen in Luxor im Jahr 1997 extremistische und fundamentalistische Strömungen mit aller Härte bekämpft. Der Chefredakteur der islamistischen jordanischen Wochenzeitung "As-Sabil", Atef Jolani, glaubt, dass ein Krieg mit Tausenden von Toten und eine US-Besatzung Iraks "Tausende von bin Ladens" hervorbringen wird.

Moderate islamistische Bewegungen wie die Islamische Aktionsfront, deren Mitglied Jolani ist, würden langfristig geschwächt. Diese Entwicklung könne nur verhindert werden, wenn die europäischen Länder, die einen Krieg ablehnen, weiterhin einen festen Gegenpol zu der amerikanischen Politik bildeten, glaubt er. Bei den arabischen Regierungen hat er die Hoffnung, dass sie der amerikanischen Politik die Stirn bieten und damit ihre Bevölkerungen repräsentieren, längst aufgegeben.

Ausnahmezustand in Ägypten dauert an

Statt auf Politik setzen die arabischen Regierungen auf ihre Sicherheitsapparate. Auf Grund der latenten Terrorbedrohung wurde der Ausnahmezustand in Ägypten immer wieder verlängert, zuletzt im Februar um drei Jahre. "Ohne dieses Instrument", so ein westlicher Diplomat in Kairo, "glauben die Ägypter nicht mit radikalen islamistischen Gruppen fertig werden zu können." Außerdem wirft die Regierung in Kairo seitdem ein wachsames Auge auf die Moscheen. Von den Kanzeln soll kein Appell zu Hass und Gewalt ausgehen.

Selbst wenn der Anteil der gewaltbereiten Moslems in Ägypten zurückgegangen ist, so konnte der Nährboden für den Terrorismus nicht beseitigt werden. Krasse soziale Spannungen, ein unzureichendes Bildungssystem und anhaltende staatliche Repression treiben extremistischen Kräften neue Anhänger zu. Immer wieder fallen ägyptische Staatsbürger im Umfeld von Terrorgruppen wie der El Kaida auf. Aber identifizieren konnten die Behörden die "Schläfer" noch nicht. In Kairo herrscht daher eine gewisse Ratlosigkeit, wo potenzielle Terroristen sich formieren und eventuell zuschlagen könnten.

Die jordanischen Behörden haben bereits nach der Ermordung des US-Diplomaten Laurence Foley im Oktober 2002 die Sicherheit für Botschaften und ausländische Einrichtungen erhöht. Der Fall zeigt auch die Stärken und Schwächen der Terrorbekämpfung. Die jordanischen Fahnder konnten mit Hilfe der US-Geheimdienste durch das Abhören aller Telefongespräche im Zeitraum des Mordes schließlich die mutmaßlichen Täter dingfest machen. Beim Zurückverfolgen einer Spur leisten die allgegenwärtigen Geheimdienste in Jordanien gute Arbeit.

Doch wie in allen anderen Ländern auch stehen sie vor der Schwierigkeit, dass die Terrorakte nicht von bekannten Organisationen oder den traditionellen islamistischen Gruppen ausgehen, die man überwachen könnte. Sie haben es mit kleinen, flexiblen Zellen zu tun, deren Mitglieder oft ein unbeschriebenes Blatt sind für die Behörden. Daher ist es schwierig, Anschläge dieser kleinen Zellen zu verhindern. "Wir vermuten, dass sich nicht die klassischen Erscheinungsformen des Terrors in Gestalt islamistischer Gruppen zeigen werden", sagt auch der ehemalige Staatssicherheitschef Ägyptens, General Fouad Allam. "Womöglich haben wir es mit ganz neuen Kräften des Terrors zu tun."

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