Krieg ist Geschäft - zumal für eine Marketenderin.
Zadek und der Krieg

Unserer kriegerischen Gegenwart wollte er sich stellen, der renommierte Regisseur Peter Zadek, und fand, Bertolt Brechts "Mutter Courage" von 1939 sei das einzige deutsche Theaterstück zum Thema Krieg.

Er inszenierte es jetzt am Deutschen Theater mit Angela Winkler, der zarten und doch starken Star-Schauspielerin als Titelheldin Anna Fierling. Ein Kind nach dem anderen verliert sie an den Krieg, an die Männer im Krieg. Aber Krieg ist Geschäft, zumal für eine Marketenderin. Kurz eröffnet sich der "Mutter Courage" die Chance, der Doppelmoral ihrer Existenz zu entkommen. Aber allein der Versuch ist grässlicher Verrat an ihrer Tochter Kattrin, dem letzten ihrer Kinder. Die stumme Kattrin (Judith Stößenreuter) trommelt sich am Ende verzweifelt die Seele aus dem Leib, um die schlafende Stadt und ihre Mutter vor den nahenden Truppen zu warnen. Der Hauptmann erschießt sie kaltblütig, aber Kattrin hat ihr Ziel erreicht.

Angela Winkler, schon äußerlich nicht die runde, alles ausgleichende Mutter, hält das Zwiespältige, das Gebrochene dieser Figur durch und spielt sie mit einer bewundernswerten Doppelbödigkeit und Energie. Die Courage, so will es das Stück, braucht all ihren Mut, um sich im ganz normalen kriegerischen Alltag immer wieder aufzurappeln. Zadek zeigt das Leben als einen verschärften Ausnahmezustand, in dem Ruhe und Frieden und menschliche Bindungen keinen Platz mehr haben.

Angela Winklers Mutter Courage rettet sich von einem Moment der Wärme oder des Erfolgs zum nächsten. Mit kalter Verzweiflung versucht sie, das Scheitern ihres Lebens auszublenden und wird zu ihrer eigenen Feindin. Es gibt keine klaren Grenzen mehr. Wo fängt die Freundschaft, wo die Feindschaft an?

Eine Inszenierung für nostalgische Bildungsbürger ist diese "Courage" nicht geworden, aber ein eindrückliches Zeugnis dafür, dass dem Zynismus heutiger Kriege Brechts Theaterstück "als Klassiker" nicht gewachsen ist. Gibt es eine Moral des Krieges? Unübersehbar platziert Zadek in die Mitte der Bühne einen Haufen Zivilisationsmüll, um den herum sich das Bühnengeschehen abspielt. Nach dem alten "Mit Brecht über Brecht hinaus" werden auch die bitteren Lieder von Paul Dessau nicht mehr zum Mitsingen geschmettert, sondern schrill zerrissen gegen den Strich gesungen.

Streckenweise gerät der Feldprediger (Friedrich-Karl Praetorius) zur Identifikationsfigur. Wie er sich windet, sich durchlaviert mit schönen, frechen, ein bisschen verrückten Reden und seine Ziele selbst nicht ernst nimmt: ein Unterhalter reinen Wassers. Mit viel dem Fernsehen entlehntem Klamauk wird abgelenkt vom bösen Krieg. Vadim Glowna als Koch kaut emotionslos an seiner Pfeife. Trostlosigkeit macht sich breit.

Vorab zu seiner Inszenierung befragt, bekannte Zadek: "Ich habe das Gefühl, dass wir an einem kuriosen und schrecklichen Wendepunkt der Geschichte stehen." Ein kurioses und schreckliches Spiel, zwei Stunden ohne Pause. Durch Angela Winkler ein Theaterabend, den man nicht verpassen sollte.

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