Kriegsausbruch entzweit Parteien
„Ein Hauch von 1914“

Die Gefühle schwankten zwischen Ohnmacht, Trauer und Wut. "Ein bitterer Tag", dies war am Donnerstag im Berliner Regierungsviertel die am meisten gehörte Reaktion auf den Kriegsbeginn. Die Gewissheit, nun auf den weiteren Lauf der Dinge keinen Einfluss mehr zu haben, verleitete manchen dazu, bisherige Vorsicht aufzugeben.

HB/dpa BERLIN. "Die machen ein Land kaputt, und wir sollen es wieder aufbauen", empörte sich Peter Struck in der SPD-Fraktion. Stürmisch gefeiert für den klaren Satz in Richtung Washington wurde der Verteidigungsminister, der bis zum frühen Morgen in seiner Wohnung am Fernseher und am Telefon verbracht hatte.

Auch der Kanzler, der sofort nach dem Bekanntwerden der ersten US-Angriffe vom Lagezentrum im Kanzleramt aus dem Bett geholt worden war, sparte nicht mit deutlichen Worten. Bevor Gerhard Schröder kurz vor neun Uhr in den Bundestag eilte, stimmte er sich erst einmal ausführlich mit Frankreichs Staatspräsident Jacques Chirac ab.

Bis zum späten Nachmittag nahm sich Schröder mit seiner ersten offiziellen Stellungnahme via Fernsehen Zeit. Bis dahin herrschte zwischen Kanzleramt und Bundestag hektische Betriebsamkeit. Mit deprimiertem Gesicht verfolgte der Kanzler am Morgen im Plenum die erste Irak-Aussprache eines langen Plenumstages. Schon bei den kurzen Reden aller Fraktionschefs wurde deutlich, dass auch die ersten Bomben auf Bagdad die politischen Lager nicht zusammenführen werden.

Wenigstens der Wunsch von Parlamentspräsident Wolfgang Thierse (SPD), dass keine Massenvernichtungswaffen zum Einsatz kommen und der Krieg bald beendet werde, fand ungeteilte Unterstützung. Doch damit hörte die große Gemeinsamkeit bereits auf. Für Unruhe auf den Oppositionsbänken sorgte die Klage von SPD-Fraktionschef Franz Müntefering, wonach sich mit dem Losschlagen der Amerikaner "das Recht des Stärkeren durchgesetzt hat und nicht das Recht". Lauter Widerspruch aus der Koalition schlug CDU-Chefin Angela Merkel für ihr Werte-Bekenntnis in Richtung Washington entgegen: "Deshalb stehen wir an ihrer Seite."

Über "Legendenbildungen" erregte sich Schröder vor den SPD - Abgeordneten. Man dürfe es Merkel und der Union nicht durchgehen lassen, der Koalition eine Mitschuld für den Kriegsausbruch anzuhängen. "Dem müssen wir offensiv entgegentreten", appellierte er an die eigenen Reihen.

Am frühen Nachmittag wurden die gegenseitigen Schuldzuweisungen fortgesetzt. "Abwegig" nannte der gerade aus New York heimgekehrte Außenminister solche Unions-Attacken. Rot-Grün solle endlich aufhören, über die "Eingrenzung der amerikanischen Hegemonie herumzufaseln", hielt Unionssprecher Wolfgang Schäuble dem Grünen Außenminister entgegen.

Nachdenkliche Töne waren an diesem Tag eher eine Seltenheit. Werner Hoyer bemühte sich im Parlament darum. "Es liegt ein Hauch von 1914 in der Luft", zeigte sich der FDP-Parlamentarier beunruhigt. Parallelen zu der Zeit vor dem 1. Weltkrieg seien nicht von der Hand zu weisen. Wie damals würden vielleicht auch bald jetzt viele sagen: "Das haben wir nicht gewollt".

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