Kriegsgegner nutzen das Internet
Boykottaufrufe gegen US-amerikanische Produkte

Nach den ersten Bombenangriffen auf den Irak nehmen die Boykott-Aufrufe gegen amerikanische Konsumgüter zu. Hauptsächlich über das Internet verbreiten Kriegsgegner aus den USA, der Schweiz und zunehmend aus Deutschland detaillierte Listen mit zu meidenden US-Produkten, angefangen von Coca Cola über Snickers-Schokoriegel des Mars-Konzerns bis hin zu Colgate Zahnpasta von Proctor&Gamble. Darunter die kanadische Initiative adbusters.org, die bereits in der Vergangenheit mit kritischen Anti-Werbeplakaten auf sich aufmerksam machte.

HB DÜSSELDORF. Die betroffenen Unternehmen reagieren mit Zurückhaltung. Zu konkretem Protest und zu Umsatzrückgang sei es bislang noch nicht gekommen, sagt eine Sprecherin von Burger King Deutschland. Allerdings habe es "in dem Maße breiten Widerstand gegen die USA" noch nicht gegeben und man wisse nicht, wie lange sich die Aktionen hin ziehen werden.

Von 5 bis 10 E-Mails täglich, die zu diesem Thema eingehen, berichtet die deutsche Niederlassung des US-Konsumgüterherstellers Procter & Gamble (Marken: Blendax, Dash, Pampers). Jede einzelne E-Mail wird beantwortet und zwar mit dem Hinweis, dass P&G-Produkte für den heimischen Markt vornehmlich in Deutschland hergestellt würden. "Letztendlich erreicht der Boykott nicht die USA, sondern trifft die deutsche Wirtschaft", sagt Detlef Schermer, Leiter der Unternehmenskommunikation bei P&G.

Mit persönlichen Anschreiben reagiert auch der Nahrungs- und Genussmittelhersteller Kraft Foods auf Kritiken, von denen bisher nur eine geringe Zahl zu verzeichnen war. Mit Unverständnis reagiert ein Unternehmenssprecher, weil Kraft Foods hier zu Lande "mit klassischen deutschen Produkten wie Milka-Schokolade oder Jacobs-Kaffee" auf dem Markt vertreten sei.

In der deutschen Zentrale des Coca-Cola-Konzerns sind ebenfalls nur vereinzelte Boykott-Aufrufe eingegangen. Dies sei insoweit verständlich, als der Getränkekonzern überall auf der Welt als US-Symbol angesehen werde. An einer Koppelung von Kriegsgeschehen und Absatzmeldungen wolle man sich aber aus Pietätsgründen nicht beteiligen, sagte CC-Kommunikationsdirektor Klaus Hillebrandt dem Handelsblatt.

Auch der niederländisch-britische Nahrungs- und Körperpflegemittelhersteller Unilever (Marken: Langnese, Iglo, Rexona) ist wegen seiner britischen Wurzeln in die Boykottaufrufe einbezogen worden. Bisher habe man aber darauf in Deutschland keine Reaktionen erhalten, berichtet Unternehmenssprecher Rüdiger Ziegler.

Mac Donald Deutschland verweist auf die politische und weltanschauliche Neutralität des Unternehmens und darauf, dass die 1,9 Millionen Gäste weiterhin gerne die Restaurants besuchten. Aber es sei klar, dass große Marken als Projektionsfläche von Kriegsgegnern verwendet würden. Die deutsche Niederlassung des US-Kaugummiherstellers Wrigley wollte auf Nachfrage keine Stellungnahme zu den Boykottaufrufen abgeben.

Organisationen wie Greenpeace und die Protestbewegung Attac distanzieren sich vom unspezifischen Boykott amerikanischer Konsumgüter und Restaurantketten, dies schüre lediglich den Antiamerikanismus, so Greenpeace-Deutschland-Sprecher Jörg Feddern. Man denke allerdings über gezielte Maßnahmen gegen Kriegsgewinnler nach, zu denen man auch die Ölindustrie zähle. Insbesondere der amerikanische Ölkonzern Exxon/Esso steht ohnehin schon seit langem im Zentrum einer britischen Greenpeace-Kampagne.

Die Umweltorganisation wirft Exxon vor, durch eine 1,2 Millionen US-$-Wahlkampfspende Bush in die Pflicht genommen zu haben und somit die Unterzeichnung des Kyotoprotokoll zur CO2-Senkung durch die amerikanische Regierung mit verhindert zu haben. In Bezug auf den Irak-Krieg sei Exxon Kriegstreiber, da es als amerikanisches Unternehmen von einem Regimewechsel im Irak nur profitiere, wenn Bush ihn herbeiführe, andernfalls kämen eher russische oder chinesische Firmen zum Zuge.

Mittlerweile rufen auch zahlreiche Gruppierung der Friedensbewegung zu Protesten gegen Esso auf. "Wir sehen es zwar als Problem an, dass die Boykott-Aufrufe einzelne Tankstellen-Pächter treffen, wir wollen aber erreichen, dass diese den Druck an den Konzern weiter geben, sagt beispielsweise Martin Budich, Verantwortlicher des Friedensplenums Aachen.

Die türkischen Unternehmen in Deutschland betrachten jegliche Art wirtschaftlichen Boykotts als falsch, so Geschäftsführer des Bundes türkischer europäischer Unternehmer, Ahmet Güler. Damit gehen sie bewusst auf Distanz zum muslimischen Internetportal Muslim-Markt, das sich seit langem explizit für den Boykott amerikanischer Waren, etwa Coca-Cola als Symbol des amerikanischen Imperialismus, so Portalbetreiber Yavuz Özoguz, ausspricht.

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