Kriegsgipfel: Analyse: Blair ist nicht Churchill

Kriegsgipfel
Analyse: Blair ist nicht Churchill

Tony Blair pokert hoch. Bereits zum dritten Male innerhalb eines halben Jahres trifft der britische Premier den amerikanischen Präsidenten George W. Bush zu Beratungen über den Irak.

In Camp David geht es erstmals ums Ganze: um den Krieg, um die künftige Rolle der Uno, um die Neuordnung des Nahen Ostens - und um die transatlantischen Beziehungen, die durch den amerikanisch-britischen Alleingang und den deutsch-französischen Widerstand schwer beschädigt wurden. Der britische Premier will sich als Kriegsherr und als Friedensstifter, als treuer Freund Amerikas und als ehrlicher Anwalt Europas gleichzeitig präsentieren - und übernimmt sich gewaltig.

Blair ist nicht Churchill, und Camp David ist nicht Jalta. Trotz der vollmundigen Bekundungen aus London spielt im Irak-Krieg immer noch Washington die erste Geige. Und von dort kommen widersprüchliche, zum Teil antibritische und antieuropäische Signale. Präsident Bush sitzen die neokonservativen Falken im Nacken, die gezielt quer schießen und die Rolle Londons und der Uno herunterreden. Erst gestern stellte Sicherheitsberater Richard Perle die Uno in Frage - und damit Blairs Strategie einer Rückkehr in die Völkergemeinschaft. Unvergessen sind auch Andeutungen von Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, zur Not könnten die USA ohne Blair auskommen.

Es sind diese Querschüsse, die nicht nur den Kriegsrat in Camp David, sondern auch das nun begonnene Tauziehen um die weitere Strategie erschweren. Bis heute ist nicht klar, wer eigentlich die Kriegsziele definiert. Glaubt man Rumsfeld, so verfolgen die Alliierten im Irak nicht weniger als acht Ziele. Der Regimewechsel steht obenan, die Hilfe für die Iraker kommt ganz zum Schluss - nach der Sicherung der irakischen Ölfelder. Aus London hört man das genaue Gegenteil: Die humanitäre Hilfe genieße Priorität, auch das Öl sei ein wichtiges strategisches Ziel. Von einem Regimewechsel hingegen spricht man an der Themse erst, seit die Diplomaten schweigen.

Es ist diese Konfusion über die Kriegsziele, die zur gegenwärtigen Konfusion auf dem Schlachtfeld führt. Noch bedenklicher ist allerdings das Chaos bei den Gedankenspielen für die Nachkriegszeit. Nicht nur über die Rolle der Uno, sondern auch über die Bedeutung Europas herrscht in Washington, aber auch zwischen Washington und London Streit. Die US-Falken möchten an der "bewährten" Strategie der Spaltung Europas festhalten. Blair hingegen glaubt immer noch an eine Aussöhnung in Europa. Die einen denken schon an die nächsten "Abrüstungskriege" in Iran oder Nordkorea, die anderen an eine neue, transatlantische Friedensordnung.

Es liegt auf der Hand, dass Europa in dieser Frage auf Blair hoffen muss. Dem britischen Premier ist zu wünschen, dass er sich in Camp David gegen die Hardliner durchsetzt. Allerdings sollte sich der Brite nicht einbilden, dass er für ganz Europa sprechen kann. Deutschland, Frankreich und - über den Weltsicherheitsrat - auch Russland haben ein Wörtchen mitzureden, wenn es um die Nachkriegsordnung im Irak und in der Welt geht. Blair darf in Camp David faute de mieux den Anwalt europäischer Interessen mimen. Doch danach muss er für seine Position eine rechtliche Grundlage suchen - in der Uno ebenso wie in der Europäischen Union.

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