Krise zwingt Autobauer zu drastischen Schritten
Fiat geht auf Kollisionskurs zu den Händlern

Hohe Verschuldung, gravierende operative Verluste, schrumpfende Marktanteile: Das Feuer unter dem Fiat-Dach lodert hell. Nun legen sich die Italiener auch noch mit ihren Händlern an. Sie wollen alle Verträge kündigen.

HB/hof FRANKFURT/M. Friedrich-Karl Bonten fiel aus allen Wolken. Der Sprecher des deutschen und europäischen Fiat - und Lancia-Händlerverbandes erfuhr erst aus zweiter Hand, dass den Händlern bis Ende September die Kündigungsschreiben der Fiat Auto S.p.A. ins Haus flattern werden. Das hatte Fiat-Autochef Giancarlo Boschetti am Freitag erklärt - doch nicht am Vormittag vor den versammelten deutschen Händlern, sondern am Nachmittag vor Journalisten.

Für Bonten ein klarer Vertrauensbruch: Ende August, Anfang September wollte nach seinen Angaben das Fiat-Management auf den deutschen Händlerverband zukommen und die Konsequenzen aus der Liberalisierung des Autohandels diskutieren, die die Brüsseler EU-Kommission kürzlich beschlossen hat. Diese Gespräche dürften nun in einer unterkühlten Atmosphäre stattfinden, zumal es statt Neuverträgen erst einmal nur Absichtserklärungen von Seiten Fiats geben wird, wie Boschetti erläuterte. "Wer glaubt, den Handel für dumm verkaufen zu können, schneidet sich ins eigene Fleisch", machte Bonten seinem Ärger über diese Vorgehensweise Luft.

Alles auf dem Prüfstand

Bei Fiat steht nach dem miserablen Start ins Jahr zurzeit alles auf dem Prüfstand, auch die Organisation des Händlernetzes. Boschetti ist vor allem unzufrieden mit den Verkaufszahlen in den Ballungszentren. Die Fiat-Position in 50 europäischen Metropolen, in denen 40 % der Zulassungen getätigt werden, will er stärken: "Was nützt uns ein Händler in einem schönen österreichischen Tal, wenn wir in vielen großen Städten zu wenig verkaufen", unterstreicht der Mann, den die erfolgreiche Sanierungsarbeit bei der Lkw-Sparte Iveco für die Spitze von Fiat Auto empfohlen hat, seine unnachgiebige Haltung. Er will den Händlern Unterstützung für die Marktoffensive anbieten, doch wenn diese bei seinen ehrgeizigen Zielen nicht mitziehen, droht er damit, werkseigene Niederlassungen zu gründen. Händlersprecher Bonten umschreibt dies so: "Wer die 100 Meter nicht in 9,9 Sekunden laufen kann, soll aus dem Rennen."

Die Autosparte mit den Marken Fiat, Lancia und Alfa Romeo ist das große Sorgenkind des Turiner Konzerns. Sie stand 2001 für 42 % des Konzernumsatzes von 58 Mrd. Euro, belastete das Ergebnis aber mit einem Verlust von 549 Mill. Euro. Bislang sieht es für dieses Jahr noch düsterer aus. Die Zulassungszahlen der Fiat-Gruppe gingen in Europa in den ersten sechs Monaten im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um mehr als 20 % zurück, allein im ersten Quartal betrug der Verlust 429 Mill. Euro. Die Monate April bis Juni waren nicht besser.

Heute werden die Zahlen für das zweite Quartal bekannt gegeben. Sie werden nach Angaben von Boschetti nicht "signifikant besser sein als im ersten" - für Marktbeobachter keine Überraschung. "Ich wüsste nicht, was eine Verbesserung bewirkt haben könnte", sagt Arndt Ellinghorst, Analyst bei der WestLB. Er erwartet zwar, dass die Italiener, die einen Marktanteil in Europa von 8,5 % haben, ihre operativen Probleme in den Griff bekommen können. Von einem Einstieg in die Aktie rät er dennoch ab. Auch Albrecht Denninghoff von der Hypovereinsbank sieht noch zu große Risiken im Umstrukturierungsprozess.

Rückenwind von der Regierung

Zumindest die Talfahrt bei den Zulassungszahlen hofft Boschetti durchschritten zu haben. Rückenwind auf dem äußerst schwachen Heimatmarkt erhält er in der zweiten Jahreshälfe durch die Entscheidung der Regierung in Rom, Käufern von Klein- und Mittelklasseautos mit Kat drei Jahre lang die Kfz-Steuer zu erlassen. Das sollte die Nachfrage nach Fiat-Marken bis zum Jahresende um mindestens 25 000 erhöhen, glaubt Boschetti. Er räumt aber ein, dass aktuell "das Niveau der Verkäufe niedriger ist als von uns erwartet" und dass auch für 2003 keine großartige Besserung erwartet wird. Daher müssten die Kosten nun noch drastischer sinken, um bei niedrigerem Umsatz die Gewinnschwelle zu erreichen. Die Gewinnspannen will Boschetti vor allem durch gemeinsame Entwicklung, gemeinsamen Einkauf und Komponentenaustausch mit der Opel-Mutter GM steigern, die mit 20 % an Fiat beteiligt ist. Gerüchten, GM könnte schon bald bei Fiat Auto das Sagen haben, erteilt er eine Absage.

Wie am Samstag bekannt wurde, hat sich die Fiat-Gruppe eine neue Finanzspritze über 3 Mrd. Euro gesichert. Mehrere italienische und ausländische Banken geben dem Konzern einen Kredit in dieser Höhe, der mit neuen Fiat-Aktien zurückgezahlt werden soll. Fiat hat sich gegenüber den Banken dazu verpflichtet, in diesem Jahr die Nettoverschuldung von 6,2 Mrd. Euro zu halbieren. Zudem sollen die Gesamtschulden von 35 auf 23,6 Mrd. Euro gedrückt werden.

Quelle: Handelsblatt

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