Krisengewinner
Kommentar: Phänomen SAP

SAP hat es mal wieder geschafft. Die Halbjahres-Ergebnisse und der optimistische Ausblick des Software-Konzerns haben Analysten und Investoren staunen lassen.

In Zeiten, in denen die Unternehmen ihre IT-Budgets angesichts des konjunkturellen Umfelds kritisch überprüfen, wächst das Unternehmen aus dem nordbadischen Walldorf so stark wie seit langem nicht mehr. Die Großen scheinen die Gewinner der Krise zu sein. Doch Vorsicht: In der IT-Branche greift diese These zu kurz, wie die Beispiele IBM oder Nokia zeigen. Deren Manager haben gerade sehr zurückhaltende Prognosen abgegeben.

SAP ist eine Ausnahmeerscheinung. Und so sprechen die guten Zahlen aus Walldorf nicht für eine allgemeine Trendwende. Im Gegenteil: Die meisten Software-Anbieter kämpfen mit rückläufigen Umsätzen und erwarten auch für die kommenden Monate keine Besserung. Die jüngsten Äußerungen vieler Vorstände klingen in diesen Tagen sogar noch düsterer als noch vor wenigen Wochen. Das betrifft sowohl junge Startups als auch gestandene Unternehmen.

SAP trotzt dem allgemeinen Trend aus mehreren Gründen. Der deutsche Software-Riese hat einen großen Kundenstamm mit vielen illustren Namen. Reihenweise rüsten diese Firmen bereits auf das Internet um, viele haben es in den kommenden Monaten vor. Das ist ein enormes Potenzial. Doch der Erfolg beschränkt sich nicht nur auf die Stammkundschaft. SAP gelingt es offensichtlich auch, der Konkurrenz Marktanteile abzunehmen. Dabei profitieren die Walldorfer paradoxerweise von der konjunkturellen Schwäche. In Krisenzeiten gehen die Vorstände lieber auf Nummer sicher, sie setzen auf etablierte Software-Partner, deren Überleben auf absehbare Zeit gesichert ist.

Freilich wäre es unfair, den aktuellen Erfolg der SAP lediglich auf externe Faktoren wie die Konjunkturflaute zurückzuführen. Auch die Strategie der Walldorfer zahlt sich aus. SAP-Vorstandssprecher Hasso Plattner und seine Kollegen sind dabei, den Software-Konzern zu einem Anbieter kompletter E-Business-Lösungen umzubauen. Die Entwicklung von Computerprogrammen tritt zunehmend in den Hintergrund, Dienstleistungen rund um das IT-Geschäft gewinnen an Bedeutung. SAP will sich als Experte für die Integration der verschiedenen Software-Plattformen von Unternehmen, Zulieferbetrieben und Kunden etablieren. Der Ansatz ist richtig, schließlich belegen Studien, dass der Anteil der Soft- und Hardware am gesamten IT-Markt immer geringer wird.

Doch die Strategie birgt Risiken. SAP ist ein traditionell "ingenieurgetriebenes" Unternehmen. Insofern ist der Wandel zum Dienstleistungsunternehmen schneller verkündet als umgesetzt. Bei den Mitarbeitern muss SAP viel Überzeugungsarbeit leisten, was Zeit und Geld kostet. Gleichzeitig wächst der Wettbewerbsdruck auf SAP, drängen die Walldorfer doch in einen Markt, der bisher von IT-Dienstleistern wie etwa CSC Ploenzke und Beratungshäusern wie PriceWaterhouse-Coopers besetzt wird. Zudem ist Beratung ein personenbezogenes Geschäft. SAP wird also tief in die Tasche greifen müssen, um geeignete Köpfe zu finden. Das drückt auf die Margen.

Noch arbeitet die Konjunktur für SAP. Doch die Konkurrenz schläft nicht. Die aktuelle Marktschwäche wird eine Bereinigung zur Folge haben. Junge Startups werden sich an die Großen der Branche anlehnen und damit schlagkräftiger werden. Der Weg für SAP bleibt also steinig. Allerdings haben die Walldorfer auch schon in der Vergangenheit gezeigt, wie lang ihr Atem ist. Auch das macht das SAP-Phänomen aus.

Jens Koenen leitet das Büro Unternehmen & Märkte in Frankfurt.
Jens Koenen
Handelsblatt / Leiter Büro Frankfurt
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