Krisenherd Lateinamerika rückt wieder stärker in den Blick: Experten sehen Potenzial in Schwellenländern

Krisenherd Lateinamerika rückt wieder stärker in den Blick
Experten sehen Potenzial in Schwellenländern

Schon seit geraumer Zeit laufen die Aktienmärkte der Emerging Markets besser als die der etablierten Börsen. Profis sehen vor allen in einigen asiatischen Ländern noch attraktive Investments.

DÜSSELDORF. Ein Blick auf die Emerging Markets fördert Überraschendes zu Tage. Denn die Aktienbörsen dieser Länder, die auf der Schwelle vom Entwicklungsland zur Industrienation stehen, schneiden besser ab als viele der großen Finanzmärkte der Welt.

Ein Grund hierfür ist der Krieg im Irak: Der negative Einfluss des Kriegs ist auf den etablierten Kapitalmärkten zurzeit stärker zu spüren als bei den meisten Schwellenländern, sagt Peter Botoucharov. Der für die Emerging Markets zuständige Stratege der Commerzbank Securities in London weist aber daraufhin, dass auch hier die Risikoscheu der Investoren wächst.

Dennoch sind sich viele Finanzexperten einig: Die Börsen der Schwellenländer - insbesondere in Asien - bieten Anlegern langfristig überaus attraktive Gewinnchancen: >> Im Vergleich zu den Industriestaaten weisen zahlreiche Schwellenländer deutlich höhere Wachstumsraten auf.

>> Die meisten Regierungen haben mit dem Aufbau von stabilen Wirtschaftsinstitutionen begonnen. Dies gibt ausländischen Investoren mehr Sicherheit.

>> Die Budgetdefizite dieser Staaten nehmen tendenziell ab.

"Die Wirtschaftspolitik der Schwellenländer ist rationaler und berechenbarer geworden", fasst die Dresdner Bank diese Trends in einer Marktstudie zusammen. Für die einzelnen Regionen und Länder fällt die Bewertung aber recht unterschiedlich aus.

Anleger können die Entscheidung, in welche Region ihr Geld fließt, einem Fondsmanager übertragen. Das Angebot an Schwellenländerfonds für Privatanleger ist groß, so dass es schwer ist, den Überblick zu behalten. Dies ist aber von entscheidender Bedeutung, denn nur wenige Fonds schneiden besser als der Referenzindex ab.

Für Asien ist etwa zu beachten, dass dort die Angst vor der lebensbedrohlichen Lungenkrankheit SARS, die sich mit großer Geschwindigkeit ausbreitet, umgeht. "Dort wächst in vielen Ländern die Furcht vor den wirtschaftlichen Folgen der Krankheit", bestätigt Chris Palmer von der britischen Investmentgesellschaft Gartmore. Es gebe bereits Stimmen, die befürchten, "dass diese Krankheit die asiatischen Volkswirtschaften stärker belasten wird als der Irak-Krieg".

Auch Thomas Gerhardt, Chef des Bereichs Emerging Markets Equities bei DWS Investment in Frankfurt, schließt Folgen für die Wirtschaft der betroffenen Länder nicht aus. Direkt wirke sich SARS nur auf den Konsum und den Reiseverkehr aus. So hätten Banken und Unternehmen ihren Mitarbeitern das Reisen verboten. Negativ betroffen davon seien Fluglinien wie Singapur Airlines oder Cathay Pacific.

"In diesen Branchen haben wir in unserem Fonds keine größeren Positionen. Deshalb werden wir unser Portfolio gegenwärtig nicht umschichten", gibt sich Chris Palmer, Fondsmanager des Gartmore CSF- Emerging Markets Fund, gelassen. "Allerdings beobachten wir die weitere Entwicklung in Asien genau", räumt er ein.

Allgemein gilt China für ihn als Wachstumslokomotive Asiens. Optimistisch ist er auch für Thailand und Indonesien, während er bei Südkorea skeptisch ist. Dort habe er Finanztitel und Autowerte zum Teil verkauft, dagegen aber Aktien des Öl- und Gasproduzenten China Petroleum zugekauft.

"China wächst stabil weiter", lobt auch der DWS-Experte Gerhardt. Das erzeuge eine starke Nachfrage in der Region nach Rohstoffen, aber auch nach Basisstoffen wie Chemikalien. Dabei sei "das chinesische Wachstum relativ unabhängig vom Wachstum des Rests der Welt".

Dies hat sich laut Gerhardt auch auf den Aktienmarkt ausgewirkt. Im Durchschnitt hätten Chinas Aktien seit Anfang des Jahres rund zehn Prozent zugelegt. Zudem profitiere die gesamte asiatische Region vom wachsenden Trend zum Outsourcing in den USA und in Europa: Das produzierende Gewerbe wandere nach Asien ab.

Neben China favorisiert Gerhardt Südkorea - "wegen der guten Positionierung der dortigen Unternehmen". Doch müsse gesehen werden, dass von Nordkorea ein Risiko ausgehe. Er glaubt aber, dass die umliegenden Länder zu einer Lösung des Problems beitragen werden.

In Osteuropa setzt der DWS-Experte mit Blick auf den Rohölpreis auf Russland. Auch bei Preisen von 25 Dollar verdienten Ölunternehmen wie Yukos oder Lukoil noch viel Geld. Und je länger die Krise im Irak anhalte, desto stärker profitierten die Öl produzierenden Länder und Unternehmen.

Chancen sieht er zudem in Mitteleuropa: "Der Konvergenztrend ist intakt", sagt Gerhardt. Daran änderten die zuletzt etwas enttäuschenden volkswirtschaftlichen Daten in Polen ebenso wenig wie die jüngsten politischen Verstimmungen zwischen Polen und Frankreich und Deutschland. Die Kurse an den Börsen der EU-Beitrittskandidaten sind zwar bereits deutlich gestiegen. Doch gibt es laut Gerhardt "noch Luft nach oben".

Für den Commerzbank-Strategen Botoucharov bieten europäisch ausgerichteten Anlegern die mittel- und osteuropäischen Märkte relativ sichere Möglichkeiten. Dazu zählt er Länder wie Russland, Polen, Bulgarien, Kroatien oder Rumänien - die Türkei nimmt er wegen der geopolitischen Entwicklung aus.

Investoren mit einem höheren "Risiko-Appetit" rät Botoucharov, sich in lateinamerikanischen Ländern umzuschauen, etwa in Brasilien, Ecuador und Kolumbien. Langfristig bestehe hier zwar ein insgesamt höheres Risiko, doch auf Sicht von sechs bis neun Monaten sieht der Commerzbanker keine Gefahr eines Zahlungsausfalls.

Brasilien etwa hat laut Botoucharov bereits von Umschichtungen durch Anleger an den Emerging- Markets profitiert; zum Beispiel wurden Gelder aus der Türkei abgezogen. Die Investoren ignorierten die Probleme in Lateinamerika. Botoucharov führt dies darauf zurück, dass es sich hier um mittelfristige Schwierigkeiten handelt. Auf kurze Sicht stehe der Krieg im Irak und die daraus resultierende Unsicherheit im Vordergrund.

Thomas Gerhardt ist im Hinblick auf Brasilien erheblich vorsichtiger. Er erinnert an die Erfahrungen mit asiatischen Staaten nach der Asienkrise. Nach einer kurzen Rally aus einer "überverkauften Situation" heraus seien die Märkte und das Wirtschaftswachstum wieder eingebrochen. Grund dafür sei auch der IWF und dessen Pochen auf das Verschuldungskriterium, das staatliche Investitionen bremste.

Für einen Einstieg in Brasilien ist es daher laut Gerhardt "noch zu früh". Zurückhaltend ist er auch mit Blick auf Mexiko: Das Land hänge "stark am Tropf der USA" und damit am Verhalten der US-Konsumenten.

Botoucharov wiederum rät von Engagements in Argentinien ab, obgleich diese sich im ersten Quartal relativ stabil entwickelt haben. Er begründet dies mit den Wahlen, die in diesem Monat anstehen. Vor allem gebe es aber "nur geringe Hoffnungen, dass die Schuldenprobleme gelöst werden". So sei davon auszugehen, dass es hinsichtlich einer Umschuldung in Argentinien auch in den kommenden 18 Monate noch keine Lösung geben wird.

Als Fazit bleibt: Die Aktienmärkte der Schwellenländer schwanken stark, und die Rückschlagsgefahr bleibt groß. Anleger sind gut beraten, nur mit einem kleinen Teil ihres Vermögens auf die Zukunft der Schwellenländer zu setzen. Als Obergrenze empfehlen Investment-Strategen einen Anteil von etwa fünf Prozent. Um das Risiko auf möglichst viele Aktien zu streuen, ist ein Einstieg über Fonds zu empfehlen. Ein starkes Nervenkostüm sollten Anleger dennoch mitbringen.

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