Kritik am Turbokapitalismus und an den hohen Abfindungen
Ehemaliger Daimler-Chef Reuter übt scharfe Kritik an Schrempp

Der frühere Daimler-Chef Edzard Reuter hat seinen Nachfolger Jürgen Schrempp heftig kritisiert. Die Fixierung auf den Aktienkurs stelle "unser Verständnis von sozialer Verantwortung auf den Kopf", sagte er einen Tag vor der Daimler-Chrysler Hauptversammlung an diesem Mittwoch in Berlin in einem Interview der "Stuttgarter Zeitung".

dpa/afx STUTTGART. Reuter äußerte sich in dem Gespräch zum ersten Mal seit drei Jahren über sein früheres Unternehmen. Damals hatte der heute 73-Jährige, der in den Jahren 1987 bis 1995 Vorstandsvorsitzender der Daimler-Benz war, sein Buch "Schein und Wirklichkeit" veröffentlicht, das ihm auch zur Abrechnung mit dem Stuttgarter Konzern geraten ist.

Nun legt Reuter noch einen drauf: Bei seinem Abgang haben man ihm "damals keinerlei Schutz angedeihen, sondern mich allein im Regen stehen lassen". Um so bitterer fällt seine Analyse des gegenwärtigen Zustands des Weltkonzerns aus. "Das tut mir sehr weh", antwortete er auf die Frage, was er empfinde, wenn er heute vom Übernahmekandidaten Daimler-Chrysler lese.

Shareholder- Value-Strategie für die Krise des Unternehmens verantwortlich

Er wisse, was es "für die dort arbeitenden Menschen bedeutet, wenn solche Spekulationen aufkommen". Ohne seinen Nachfolger Schrempp namentlich zu nennen, macht er die Shareholder- Value-Strategie für die Krise des Unternehmens verantwortlich. "Man kann solche Positionen nicht verantwortungsvoll ausfüllen, wenn mann sich nur Profit, Profit, Profit auf die Fahne schreibt und nicht auf der Grundlage ethischer Verantwortung handelt", sagte Reuter der Zeitung.

Das Credo der Vertreter dieser Philosophie laute: "Vergiss diesen Sozialklimbim, vergiss darüber zu reden, dass eine Firma aus Menschen besteht". Reuter bezeichnet es als eine der "teuflischen Erfindungen" dieser Zeit, ein Unternehmen und sein Management ausschließlich am Aktienkurs zu messen. In dem Gespräch wehrt sich Reuter auch gegen den Vorwurf, der "größte Kapitalvernichter Deutschlands" gewesen zu sein. "Den ersten Rang beim Kapital vernichten haben mir inzwischen andere abgenommen", sagte der Ex-Vorstandschef. Wie sie heißen, wollte er nicht sagen - "seien sie auch noch so bedeutend".

Reuter bestreitet noch immer den gegen ihn erhobenen Vorwurf, er sei mit seiner Strategie des so genannten integrierten Technologiekonzerns gescheitert: "Gescheitert ist sie nicht, sondern sie wurde gescheitert, nämlich mittendrin abgebrochen." Außerdem waren die Gewinne aus dem Verkauf der Töchter Debis Systemhaus, Debitel, Temic und teilweise Dasa - die unter Reuters Regie aufgebaut wurden - nach seinen Worten um ein Vielfaches höher als der Verlust von 5,7 Mrd. DM, der nach seinem Abgang 1995 ausgewiesen wurde.

Kritik am Turbokapitalismus und an den hohen Abfindungen

Reuter glaubt auch nicht an eine Sanierung von Chrysler und Mitsubishi. Es gebe das Phänomen, dass sich schnelle Anfangserfolge einstellten, "wenn man per ordre de mufti regiert". Das sei wie bei einem Trainerwechsel in der Bundesliga, erweise sich jedoch häufig als "Strohfeuer, das sehr schnell wieder erlöschen kann". Scharf ins Gericht ging der Sozialdemokrat mit der gängigen Praxis, Spitzenmanagern zweistellige Millionenbeträge als Gehälter oder Abfindungen zu bezahlen.

Damit nähere man sich "Sodom und Gomorrha". Diese Summen seien "unanständig", weil sie in keiner Relation zur Leistung stünden. Er hätte sich zu seiner aktiven Zeit "mit Händen und Füssen" gegen solche Beträge gewehrt. Reuter kritisiert zudem generell den "Turbokapitalismus", der sich zu einem "Tanz auf dem Vulkan" entwickelt habe, bei dem viele "fröhlich mitmachen".

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