Kritik an Berufung des Ex-Kanzlers in den Aufsichtsrat des Versicherers AMB Generali Holding AG
Zweifel an Kohls Fachwissen

Die Anforderungen an Aufsichtsräte steigen. Sie sollen dem Management stärker auf die Finger schauen. Vor diesem Hintergrund kritisieren Aktionärsschützer die Berufung des Ex-Bundeskanzlers Helmut Kohl in den Aufsichtsrat des Versicherers AMB Generali Holding. Im Umfeld des Versicherers tummeln sich viele CDU-Größen.

DÜSSELDORF. Eine Personalie sorgt für Gesprächsstoff. Die AMB Generali Holding AG, drittgrößter Versicherungskonzern in Deutschland, hat den Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl in seinen Aufsichtsrat berufen. Laut dem Deutschen Corporate Governance Kodex sollen Aufsichtsräte "über die erforderlichen Kenntnisse, Fähigkeiten und fachlichen Erfahrungen verfügen und hinreichend unabhängig sein". Doch Experten wie Hans-Peter Schwintowski, Professor für Zivilrecht an der Humboldt-Universität in Berlin, und auch Aktionärsschützer haben ihre Zweifel, ob der Ex-Kanzler über das notwendige Versicherungs-Know-how für ein Aufsichtsratsmandat bei einem so großen Versicherungskonzerns verfügt.

"So eine Entscheidung passt nicht mehr in die heutige Zeit", sagt Jörg Pluta, Geschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. Allerdings habe die Nähe zu CDU-Größen im AMB-Konzern Tradition. So ist Ex-Finanzminister Theo Waigel Aufsichtsrat bei der Aachener & Münchener Lebensversicherung. Noch viel mehr Unions-Politiker finden sich in den Reihen der Deutsche Vermögensberatung AG DVAG, einem Strukturvertrieb, an die die AMB-Holding mit 50 Prozent minus 10 Aktien beteiligt ist. Die Vertreter der DVAG liefern der AMB einen Großteil des Neugeschäfts.

Zum AMB-Konzern zählen die Aachener & Münchener, Volksfürsorge, Thuringia, Generali Lloyd, der Direktversicherer Cosmos, die Central Kranken, der Rechtsschutzversicherer AdvoCard, die Deutsche Bausparkasse Badenia und die Fondsgesellschaft AM Generali Invest. Hauptaktionär des Konzerns ist der größte Versicherer Italiens, die Generali. "Die AMB Generali Holding AG gewinnt mit Herrn Dr. Kohl eine weltweit angesehene Persönlichkeit, die ihre Sachkunde und internationale Erfahrung in den Dienst der Gesellschaft stellt", heißt es in der Presseerklärung. Auch hier werden Kritiker stutzig: Denn die AMB Generali ist ausschließlich in Deutschland aktiv.

"Ich bezweifle, dass Helmut Kohl genug Bilanz-Kenntnisse besitzt, um im Aufsichtsrat auch mal ein Testat von Wirtschaftsprüfern kritisch zu hinterfragen", sagt Schwintowski von der Humboldt Uni in Berlin. Er hält Politiker-Einfluss auf Großkonzerne grundsätzlich für wenig hilfreich und verweist auf das Beispiel Bankgesellschaft Berlin. "Zudem ist ein Versicherer wie die AMB in hohem Maße von Entscheidungen der Politik abhängig, wie etwa in der Frage der Besteuerung der Lebensversicherung. Auch vor diesem Hintergrund halte ich eine solche Verquickung für unglücklich", sagt Schwintowski.

Die AMB Generali weist derartige Kritik zurück: "Wer ein Land so exzellent regiert hat wie Helmut Kohl, wer die deutsche Wiedervereinigung erreicht hat, ist für jeden Aufsichtsrat eine Bereicherung", sagt Manfred Schell, Sprecher des Konzerns. Zudem verfüge Kohl sehr wohl über genügend Fachkenntnis. Auch Heribert Hirte, Professor für Wirtschaftsrecht an der Universität Hamburg, kann sich vorstellen, dass Kohls Kontakte hilfreich sein könnten, wenn es darum geht, für den Konzern Top-Manager zu suchen.

Kritiker vermuten, dass die Berufung Kohls in den Aufsichtsrat der AMB Generali auf Betreiben von Reinfried Pohl, dem Chef der DVAG, betrieben wurde. Er gilt als der eigentliche starke Mann in der Gruppe, weil die Verkaufs-Power seiner Vertreter für die AMB von hoher Bedeutung ist. Und bei der DVAG ist Kohl bereits Vorsitzender des Beirats. Dort ist er in vertrauter Gesellschaft. Zwar weist der Geschäftsbericht der DVAG mit Anke Fuchs und Karl Starzacher auch zwei SPD-Politiker als Beiräte aus, doch die CDU hat das Übergewicht: Bernhard Vogel, Ministerpräsident von Thüringen, hinter dessen Namen ausdrücklich "ehrenamtliches Mitglied" steht. Dieser Hinweis fehlt bei den Beiräten Theo Waigel, Ex-Mininisterpräsident Walter Wallmann und Horst Teltschik, ehemals außenpolitischer Berater Kohls im Kanzleramt. Zudem ist Ex-Kanzleramtsminister Friedrich Bohl als Generalbevollmächtigte für die DVAG tätig, bis Sommer war das auch Ex-Regierungssprecher Friedhelm Ost. "Solche Kontakte pflege ich doch nur, um mir politische Einflussnahme zu sichern", sagt Jörg Pluta von der DSW.

Quelle: Handelsblatt

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