Kritik an Geschäftsmodell der Banken
Führender Analystenverband plant Ethik-Kodex

Die Wut über schöngefärbte Anlageurteile setzt Analysten besonders in den USA mächtig unter Druck. Der Verband AIMR hat jetzt Standards entwickelt, die das angekratzte Image der Branche aufpolieren sollen.

FRANKFURT/M. Am Anfang stand die Empörung über schöngefärbte Anlageurteile großer Banken, insbesondere in den USA. Dann folgten Klagen von Anlegern gegen einzelne Analysten wie Henry Blodget, Jack Grubman und Mary Meeker. Schließlich überzog die New Yorker Staatsanwaltschaft und die US-Börsenaufsicht SEC Banken wie Merrill Lynch und Salomon Smith Barney mit spektakulären Ermittlungen.

Inzwischen steht das gesamte Geschäftsmodell der großen Investmenthäuser in Frage. So empfiehlt der weltgrößte Analystenverband AIMR (Association of Investment Management and Research) im Entwurf seiner neuen Ethik-Regeln: Investmentbanking, sprich das Firmenkundengeschäft, und die Wertpapieranalyse einer Bank sollen strikt getrennt sein.

"Die Mauer zwischen beiden Bereichen soll wieder aufgebaut werden", sagt Lee N. Price, Mitglied des AIMR-Vorstandes. "Sie ist während des Hightech-Booms immer weiter abgebröckelt." Analysten sollen nicht mehr an der Vorbereitung von Börsengängen und Anleiheemissionen teilnehmen - eine lukrative Investmentbanking-Aufgabe. Denn ein Analyst, der eine Firma an die Börse bringt, könnte Probleme haben, dessen Aktien später kritisch zu bewerten. Tatsächlich beurteilen Analysten von Emissionsbanken "ihre" Unternehmen im Schnitt positiver als das Gros der Analysten.

Weiter empfiehlt AIMR, dass die Bezahlung eines Analysten nicht mehr von den Erträgen im Firmenkundengeschäft abhängen soll. Ausdrücklich verboten werden soll eine direkte Verbindung zwischen dem Gehalt eines Analysten und den Investmentbanking-Aufträgen, die er an Land gezogen hat.

"Diese Vorschläge werden kontrovers diskutiert", sagt Jessica L. Mann, bei AIMR verantwortlich für Standesregeln. Kein Wunder, denn eine strenge Umsetzung der geplanten Ethik-Standards käme einer Revolution gleich. "Am Ende müssten die Banken spezielle Investmentbanking-Analysten beschäftigen, um bei Börsengängen weiter einen kompetenten Branchenspezialisten zu haben", sagt Price.

Als erste Bank habe Merrill Lynch diesen Schritt angekündigt, so der AIMR-Vorstand. "Bei Merrill dürfen Research-Analysten künftig keine Investmentbanking-Jobs übernehmen. Diese Aufgabe erledigen andere Teams, die wiederum kein öffentlich zugängliches Research produzieren", berichtet Price. Dass Merrill als Vorreiter auftritt, mag daran liegen, dass Vorwürfe mangelnder Objektivität dem Ruf der US-Investmentbank geschadet haben. Kleinere Institute werden sich ein ähnliches Vorgehen kaum leisten können.

AIMR vertritt weltweit mehr als 57 000 Finanzanalysten und Fondsmanager. Die neuen "Research Objectivity Standards" entwickelte der Verband unter öffentlichem Druck. Der Entwurf steht im Internet unter www.aimr.org zur öffentlichen Kommentierung. Am 17. Oktober endet die Diskussionsfrist. Dann wird das Regelwerk überarbeitet und frühestens im Februar 2003 vom AIMR-Vorstand verabschiedet.

"Wir hoffen, dass viele Firmen sich freiwillig den Regeln unterwerfen", erklärt Initiatorin Mann. Eine solche Selbstverpflichtung könne gesetzlichen Auflagen vorgreifen. Außerdem hofft Mann, dass der Kodex zum Wettbewerbsfaktor wird. "Investoren verlangen qualitativ hochwertiges Research, und das bedeutet immer auch objektives Research", sagt Mann. "Durch Übernahme unserer Standards beweisen Firmen ihre Objektivität".

Wer in den USA Geschäfte betreibt, der muss einen wesentlichen Teil der geplanten Standards schon heute einhalten. Denn die Selbstorganisation der führenden US-Börsen (NASD/Nyse) habt zentrale Inhalte in ihre Ethik-Regelwerke übernommen. Dieser Kodex ist bereits von der SEC genehmigt und USA-weit verbindlich. Mann: "Unsere AIMR-ROS gehen im Detail weiter als die Pflicht-Standards. Und sie richten sich an eine globale, nicht nur US-amerikanische Zielgruppe."

Zu den kritischen Punkten zählt die Offenlegung möglicher Interessenkonflikte. So sollen Analysten laut AIMR bei jeder Aktienempfehlung - ob schriftlich, im Zeitungsinterview oder im Fernsehen - stets angeben, ob sie persönlich oder ihre Firma die besprochene Aktie halten oder mit dem Emittenten Geschäfte machen. Zudem sollen Analysten keine undifferenzierten Kauf- oder Verkaufsurteile mehr abgeben. "Wir sind besorgt, dass der Otto-Normal-Verbraucher solche Bewertungen allzu wörtlich nimmt", sagt Mann. Sie verlangt, dass Analysten mindestens auch Zeithorizont und spezielle Risiken einer Anlage erwähnen.

Kritiker halten diese Zielvorgaben für übertrieben. "Am Ende werden riesige Papierberge mit Risiken und Nebenwirkungen produziert, die kein Mensch liest", sagt ein Frankfurter Fondsmanager. Immerhin: US-Fernsehsender wie CNBC befragen inzwischen jeden Analysten im Anschluss an ein Gespräch nach solchen Verbindungen.

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