Kritik des Bundesobmanns
Sparkassen ziehen Zinsschraube an

Die Insolvenzwelle im Mittelstand trifft besonders die Sparkassen hart. Dieses Jahr werden die Ausfallraten von Krediten deutliche steigen. Einzelne Institute sind bereits in Schwierigkeiten.

HB DÜSSELDORF. Ob Kirch, Babcock oder Enron - von schlagzeilenträchtigen Großpleiten oder Insolvenzen bleiben Sparkassen als typische Mittelstandsfinanzierer weitgehend verschont. Dagegen trifft die Insolvenzwelle mittelständischer Unternehmen die 536 Sparkassen, einige mit Wucht. So geriet jüngst die niederrheinische Sparkasse Geldern in Schwierigkeiten: Hohe Kreditzuwächse sprengten den Eigenkapitalrahmen, der Kreis Kleve musste für 15 Mill. ¤ bürgen, zwei Vorstände gingen.

Geplatzte Kredite ließen auch die Sparkasse Torgau-Oschatz in Sachsen in die roten Zahlen rutschen, der Vorstandschef musste seinen Hut nehmen. Eine Mischung von Managementfehlern gepaart mit zu hohen Kreditengagements seien verantwortlich, heißt es in Sparkassenkreisen. Daraus dürften keine Schlüsse auf die gesamte Kreditvergabepolitik der Sparkassen gezogen werden. Und so drosseln die deutschen Sparkassen ihre Kreditvergabe an Unternehmen auch nicht, trotz schwacher Konjunktur. Im ersten Quartal stieg die Kreditvergabe nach Angaben des Sparkassenverbands nochmals leicht um 0,5 %. 2001 hatte die Sparkassengruppe den Marktanteil bei Krediten an Unternehmer und Selbstständige um 1,2 Prozentpunkte auf 41 % ausgebaut, zehn Jahre zuvor waren es nur 30,7 %. "Durch den Rückzug der Großbanken werden Sparkassen zunehmend zur ersten Adresse von Mittelständlern", sagt Patrick Tegeder, Partner der Unternehmensberatung zeb.

Die Entwicklung könnte sich allerdings bald schmerzlich bemerkbar machen: "Wegen ihrer hohen Engagements im mittelständischen Kreditgeschäft werden die Ausfallraten für Sparkassen steigen", prognostiziert Tegeder. Dies erwartet auch der Bundesobmann der Sparkassen und Chef der Stadtsparkasse Köln, Gustav Adolf Schröder, vorausgesetzt die Konjunktur erhole sich bis zum Jahresende nicht. So problematisch steigende Ausfallraten sind, das Kernproblem sind für Schröder die niedrigen Kreditmargen von gerade einmal einem Prozent im Geschäft mit dem Mittelstand. Wegen des scharfen Bankenwettbewerbs waren die Margen seit Mitte der 90er Jahre im zinsabhängigen Geschäft um knapp 40 % erodiert. Heute erzielt die Stadtsparkasse sieben Prozent Eigenkapitalrendite im Firmenkundengeschäft. Zu wenig, meint Schröder: "Mittelfristig wollen wir sie auf 15 Prozent mehr als verdoppeln."

Aufgegeben habe die zweitgrößte deutsche Sparkasse die Einstellung, jeden Kredit zu jeder Kondition zu übernehmen. "Den Kampf führen wir nicht mehr", sagt Schröder. Ein bis zwei Jahre werde es aber noch dauern, bis sich diese Haltung bei allen Instituten durchsetze. Drastischer sieht die Situation für die ostdeutschen Sparkassen aus. "Die Mehrzahl der Sparkassen verdient mit gewerblichen Krediten kein Geld", sagt der Verbandschef des Ostdeutschen Sparkassen und Giroverbandes (OSGV) Claus Friedrich Holtmann, und führt drei Ursachen an: Größtes Problem sei der Wertverfall vieler Kreditsicherheiten wie Grundstücke, die vielfach eine Neubewertung der Risikosituation erforderten. Zudem seien die Förderkredite nicht auskömmlich für die Sparkassen. Als hausgemachter Faktor kämen hohe Kosten für die Kreditabwicklung hinzu.

Als heilsamen Katalysator für eine neue Kreditvergabepolitik sehen Verantwortliche der Stadtsparkasse Köln die neuen Eigenkapitalanforderungen durch Basel II. "Durch die risikoadäquate Kreditgestaltung endet die Quersubventionierung von schlechten durch gute Kreditnehmer", sagt Ulrich Saure, Leiter der Kreditrisikosteuerung. Künftig erwartet er bei Investitionskrediten für Unternehmen eine ähnliche Spreizung der Konditionen wie auf dem Kapitalmarkt. "Eine Telekomanleihe hat einen Risikoaufschlag von zwei bis drei Prozent", meint Schröder, "ich wäre froh wenn wir solche Renditen bei einem Mittelständler mit gleichen Risiko erzielen könnten". Das Problem Basel II sieht er entschärft. Gleichwohl habe die jahrelange Diskussion darüber vom Grundproblem der Mittelstandsfinanzierung abgelenkt - der Unterkapitalisierung. Früher habe ein Handwerksmeister persönlich für seinen Betrieb gehaftet, heute mache er eine GmbH mit 25 000 Euro auf und schaue, dass möglichst wenig Eigenkapital in der Bilanz bleibt, kritisiert Schröder. "Aber er kann doch nicht erwarten, dass Geldinstitute sein unternehmerisches Risiko tragen." Handlungsbedarf sieht hier auch der Deutsche Industrie und Handelskammertag: Eine Reduzierung des Gewinns auf Null könnten sich Mittelständler schon unter Ratingaspekten nicht mehr erlauben.

Quelle: Handelsblatt

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