Kritiker prophezeien „Millionengräber“
Schröder kann zu Fuß zur WM

Bund, Länder und Gemeinden haben zwar kein Geld. Aber den Fußball-Lobbyisten gelingt das Kunststück, dem nackten Mann in die Taschen zu greifen. Mit Millionensubventionen werden zur Weltmeisterschaft allerorten Fußball-Stadien hochgezogen. Kritiker zeigen den Verantwortlichen deswegen die rote Karte.

HB DÜSSELDORF. Des Kanzlers waghalsiger Vorstoß, die durch Kirchs Insolvenz gefährdeten Millionen-Gehälter der Profikicker indirekt mit 200 Mill. Euro zu subventionieren, endete mit einem Eigentor. Selbst eingefleischte Fußballfans pfiffen Gerhard Schröder aus. Dabei handelte es sich vergleichsweise um Peanuts. Erst wenn der Fußballweltverband Fifa am Montag in Frankfurt/Main entscheiden wird, welche der 15 deutschen Bewerberstädte sich beim Rennen um die zwölf Austragungsorte der WM 2006 durchsetzen können, geht es ums große Geld: die Neubauten und Modernisierungen der Fußballarenen. "Sie sind ein Musterbeispiel für die Fehlleitung von Steuergeldern", kritisiert der Präsident des Steuerzahlerbundes, Karl Heinz Däke. Bund, Länder und Gemeinden klagen zwar über leere Kassen. Bei König Fußball aber ziehen sie immer noch die Spendierhosen an.

Zwei Beispiele: Allein der Bund zahlt - wenn auch nicht ganz freiwillig - für den Umbau des Berliner Olympiastadions 196 Mill. Euro. Mit seiner Zusage kaufte Schröder im Juli 2000 die Ja-Stimmen Berlins im Bundesrat für Hans Eichels Steuerreform. Anders als bei dem Berlin-Deal legt in Düsseldorf die Stadt aus freien Stücken 64 Mill. Euro für den 184 Mill. Euro teuren Prestige-Neubau einer riesigen "Fußball- und Eventarena" auf den Tisch - obwohl der abstiegsbedrohte Regionalligist Fortuna Düsseldorf künftig wohl in der viertklassigen Oberliga kicken wird. "Das neue Stadion und die Betreibergesellschaft werden ein Millionengrab", prophezeien indes die oppositionellen Grünen im Stadtrat. "Wir haben nun einmal kein Markenprodukt Schalke 04 anzubieten."

Bewerberstädte grenzenlos optimistisch

Die Bewerberstädte und der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hingegen sind grenzenlos optimistisch. Übereinstimmend bewerten sie die entstehenden Multifunktions-Arenen und die kommenden "Mega-Events" als "Tourismusmagnete", von denen nicht zuletzt Hotels und Gaststätten profitieren würden. Eine im Auftrag des DFB erarbeitete Studie kommt erwartungsgemäß zu dem Ergebnis, dass die "Arenen-Landschaft" trotz der Baukosten von insgesamt mehr als 1,6 Mrd. Euro langfristig mindestens 100 Mill. Euro volkswirtschaftlichen Gewinn bringen wird.

"Wegen dieser Studie muss man dem DFB mindestens die gelbe Karte zeigen", kontert der Paderborner Wirtschaftsprofessor Helmut Dietl, der sich seit Jahren mit öffentlich finanzierten Stadionprojekten beschäftigt. "Die Grundannahmen sind viel zu optimistisch." Ergänzend heißt es in einem Gutachten der Nord/LB, Privatinvestoren hielten sich beim Stadionbau deshalb auffällig zurück, weil allgemein eine "hohe Unsicherheit" über die künftige Einnahmesituation bestehe.

Aufbau von Überkapazitäten

Für den Deutschen Städtetag steht schon heute fest, dass beispielsweise durch die geballte "Arenen-Landschaft" in Nordrhein-Westfalen Überkapazitäten aufgebaut werden. Das Risiko der Betreibergesellschaften, in denen auch die Städte sitzen, sei "außerordentlich hoch", meint Städtetag-Dezernent Bernd Meyer. "So viele Mega-Events gibt es ja gar nicht." Meyer hält es auch für ein Unding, dass die Fußballvereine sich einerseits stolz als kommerzielle Wirtschaftsunternehmen präsentieren, andererseits aber in die Rolle des finanzschwachen Heimatvereins schlüpfen, wenn es um öffentliche Subventionen geht. "Dieser Spagat ist nicht mehr zeitgemäß." Steuerzahler-Präsident Däke schließlich hält es angesichts der "totalen Kommerzialisierung des Fußballs" für absurd, den Bau von Großstadien weiterhin als öffentliche Aufgabe anzusehen, die der Steuerzahler finanziert. "Die Vereine sollten die Gehälter der Spieler deckeln, dann hätten sie auch Geld für Investitionen."

Hannovers Stadtkämmerer Stephan Weil freilich ficht das alles nicht an. Er rechtfertigt den Millionenaufwand der Kommune für ein WM-taugliches Niedersachsenstadion schlicht damit, dass die Privatwohnung des Bundeskanzlers ja in unmittelbarer Nähe des Stadions liegt. Es sollte "doch möglich sein, dass Gerhard Schröder zu Fuß zur WM gehen kann."

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