Kritiker sehen Liquidität an institutionellen Börsen schwinden: Für Anleger haben neue Börsen einige Tücken

Kritiker sehen Liquidität an institutionellen Börsen schwinden
Für Anleger haben neue Börsen einige Tücken

Ein wenig paradox mutet es schon an: Just zu einem Zeitpunkt, an dem die von massiven Kursverlusten gebeutelten Privatanleger einen großen Bogen um Aktien machen, sprießen in Deutschland immer neue elektronische Handelssysteme und Börsen aus dem Boden. Sie alle wollen mit schneller Order-Ausführung und Preisgarantien dem Platzhirsch Deutsche Börse in Frankfurt die Kleinanleger abspenstig machen.

FRANKNKFURT/M. Prominentester Neuling ist die Nasdaq Deutschland, die vor drei Wochen an den Start ging. An ihr sind Commerzbank und Dresdner Bank beteiligt. Anfang des Jahres hatte bereits die Deutsche Bank ihr eigenes, außerbörsliches Handelssystem PIP für die Kunden ihres Onlinearms Maxblue freigeschaltet. Am 2. Mai will die Münchener Börse ihr neues Handelssystem Max-One anlaufen lassen. Last, but not least hat sich die Deutsche Börse im September mit Xetra Best ein neues Handelsmodell zugelegt.

Aus Sicht des Kleinanlegers arbeiten die Systeme nach einem ähnlichem Strickmuster. Sie versprechen eine prompte Ausführung der Order und einen Preis, der mindestens dem des Referenzmarktes entspricht oder diesen sogar leicht unterbietet. Als Referenzmarkt für diese "Best Price"-Modelle gilt meist der liquideste Markt, an dem die Aktie gehandelt wird - bei deutschen Werten also Xetra. Das Preisversprechen gilt zwar nur bis zu einer bestimmten Ordergröße. Doch liegt diese Schwelle in aller Regel so hoch, dass eine durchschnittliche Kleinanleger-Order abgedeckt wird.

Trotz ähnlicher Versprechen unterscheiden sich die Handelsformen in ihrem "Innenleben" erheblich voneinander. Die Münchener Börse will den elektronischen Handel mit der Tätigkeit von Maklern kombinieren. Dagegen handelt es sich bei Xetra Best, dem PIP-Handel der Deutschen Bank, und auch beim Herzstück der Nasdaq Deutschland, dem so genannten Best-Ex-Handel, um "Internalisierungs-Modelle". Deren Grundprinzip ist einfach: Hier handeln Banken entweder selbst direkt mit ihren Kunden oder sie leiten die Aufträge ihrer Kunden an einen von ihr ausgewählten Broker weiter, der dann ausführt. Anders dagegen im klassischen Börsenhandel: Hier leitet die Bank den Auftrag an die Börse, wo sie mit einer passenden Order eines x-beliebigen Kontrahenten zusammengeführt wird.

Über Sinn oder Unsinn der Internalisierung wird in Finanzkreisen kontrovers diskutiert. Erstaunlich: Obwohl die Modelle speziell auf Kleinanleger zugeschnitten sind, werden sie gerade von Aktionärsschützern kritisch beäugt. Deren größte Sorge: Das ohnehin geringe Handelsvolumen an deutschen Börsen wird noch weiter zersplittert. Damit könnte der Spread, also die Spanne zwischen An- und Verkaufskurs, auf Xetra steigen. "Je weniger auf Xetra gehandelt wird, desto weniger aussagekräftig ist der Xetra-Preis", warnt Reinhild Keitel, Vorstand der Schutzgemeinschaft für Kleinaktionäre (SdK). Wenn aber der Xetra-Preis schlechter wird, verlieren auch die Preisgarantien der Internalisierer an Wert, denn sie beziehen sich ja gerade auf den Xetra-Preis. Unterm Strich könnte also die Masse der Anleger sogar schlechter gestellt sein als vor dem Auftreten der Internalisierer.

Gehandelt werden nur die gängigsten Werte

Abseits dieser grundsätzlichen Diskussion sollten sich Anleger darüber klar sein, dass sie keineswegs eine Garantie erhalten, den besten Preis zu bekommen, der irgendwo auf der Welt zu erzielen wäre. Zugesichert wird bei deutschen Aktien meist nur der Xetra-Preis - das schließt aber nicht aus, dass Anleger auf einem anderen (Internalisierungs-)System einen noch besseren Preis erhalten könnten. Ein klarer Vorteil von Xetra Best & Co. ist hingegen, dass kostspielige Teilausführungen vermieden werden.

Gehandelt werden auf den Internalisierungs-Systemen gegenwärtig nur die gängigsten Aktien. Wer Nebenwerte sucht, muss weiterhin über die traditionellen Börsen gehen. An der Nasdaq Deutschland etwa sind die Aktien aus Dax, MDax, TecDax sowie die wichtigsten US-Werte handelbar. Europäische Blue-Chips sollen erst zu einem späteren Zeitpunkt hinzukommen. Bei Xetra Best entscheidet die Bank darüber, welche Aktien gehandelt werden , und im PIP-Service der Deutschen Bank stehen 240 Titel zur Auswahl.

Dass die Internalisierungs-Systeme vorerst nur spärlich genutzt werden, liegt zum einen an der generellen Aktien-Aversion vieler Kleinanleger. Hinzu kommt, dass bisher nur wenige Banken diese Handelsform überhaupt anbieten. Der PIP-Handel steht nur den Online-Kunden der Deutschen Bank und denen der Sparda-Banken offen. An Xetra Best leiten nur die Commerzbank, Comdirect, die Hypo-Vereinsbank und Santander Kundenaufträge weiter. Auch die Best-Ex-Funktion der Nasdaq Deutschland wird nur von einer Hand voll Banken angeboten.

Aus Sicht der Banken ist die Internalisierung durchaus lukrativ. Schließlich können sie beim Handel mit ihren Kunden am Spread verdienen. Zudem bietet sich die Möglichkeit, bei der Abwicklung der Aufträge Kosten einzusparen. Lohnend wird die Internalisierung aber erst, wenn möglichst viele Aufträge intern abgewickelt werden. Ein einfacher Weg, die Kunden für die Plattformen zu begeistern, wäre eine Senkung der Gebühren. Diesen Weg geht bereits die Deutsche Bank: Wer über PIP handelt, zahlt fünf Euro weniger als bei dem Handel über eine reguläre Börse.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%