Kritische Kirchen
Deutsche Staatsspitze gedenkt der Terroropfer

Mit großem Ernst in Stimme und Gestik gab Bundeskanzler Gerhard Schröder am Mittwoch eine Erklärung ab, bevor er zu einem ökumenischen Gottesdienst in den Berliner Dom fuhr.

dpa/HB BERLIN. Die Anspannung war dem Bundeskanzler ebenso anzumerken wie der Frau oder dem Mann, der an diesem 11. September 2002 in Berlin über die Straße Unter den Linden flanierte. Dieser Tag wird nach dem unfassbaren Terror in New York und Washington für weite Teile der Welt nie mehr ein normaler Tag sein.

Mit Bundespräsident Johannes Rau, Bundestagspräsident Wolfgang Thierse sowie den Mitgliedern der Regierung war die Staatsspitze nahezu komplett versammelt. Auch die Opposition war prominent vertreten.

Kanzlerkandidat Edmund Stoiber saß unweit des Amtsinhabers, der dritte Kanzler-Bewerber, FDP-Chef Guido Westerwelle, eine Reihe dahinter. US-Botschafter Daniel Coats, der sein Amt im vergangenen Jahr, wenige Tage vor den Attentaten, angetreten hatte, las vom Altar aus eine Fürbitte. Er bat um Trost in der Trauer und der Hoffnung, dass die Betroffenen wieder Mut fassen. Ein direkter Kontakt zwischen dem Botschafter, der sich unlängst kritisch über den Stand der deutsch-amerikanischen Beziehungen geäußert hatte, und Schröder wurde nicht beobachtet.

"Unser Land ist an diesem Tag vereint mit dem amerikanischen Volk in der Erinnerung an die entsetzlichen Terroranschläge, die heute vor einem Jahr auf New York und Washington verübt wurden", sagte Schröder zuvor im Kanzleramt. Die Tagespolitik spielte sowohl in der Kanzler-Botschaft wie auch in den Predigten eine Rolle. Die Haltung der deutschen Bevölkerung am 11. September 2001 sei neben der Solidarität der Bundesregierung "ein eindrucksvolles Zeichen tief empfundener Freundschaft" gewesen, "die unabhängig von aktuellen Meinungsverschiedenheiten dauerhaft existiert", betonte der Kanzler.

Die US-Botschaft in der Neustädtischen Kirchstraße, die auf die Straße Unter den Linden stößt, war mit Straßensperren und Uniformträgern abgeriegelt wie ein Kontrollpunkt zwischen Israel und dem Westjordanland. Auf dem Asphalt lagen Kränze und Blumen, Lichter flackerten. Viele Menschen hielten inne in ihrer Promenade bei strahlendem Spätsommerwetter, und es wussten wohl alle, wie und wo sie vor einem Jahr von dem Ereignis erfuhren, das die Welt so nachhaltig verändert hat. Wenige Stunden vor dem Gottesdienst war in Hamburg eine Moschee durchsucht worden, ohne dass belastendes Material gefunden wurde. Am vergangenen Freitag waren in der Nähe von Heidelberg in der Wohnung eines Türken mehr als 100 Kilogramm Chemikalien und Rohrbomben sichergestellt worden.

In der voll besetzten, größten Berliner Kirche beklagte der Domprediger schon zum Auftakt des Gottesdienstes, dass der Frieden weit entfernt ist. Kardinal Georg Sterzinsky erinnerte daran, dass "allerorten" Gefahr lauert und die Bedrohung geblieben ist. Die Würdenträger der beiden großen Kirchen in Deutschland luden die Menschen ein, in Gott zu vertrauen, um Leid zu überwinden und Hoffnung zu wecken. "Keine Zeichen von Einsicht und Bedauern" beklagte der Kardinal mit Blick auf die Terroristen. Viele Menschen lauschten seinen Worten auch auf dem Platz vor dem Dom. Sterzinsky wie sein evangelischer Kollege, Bischof Wolfgang Huber, zitierten aus der Bergpredigt.

Hubers Worte, "wer Frieden schaffen will, muss für ein Ende der Gewalt sorgen", waren auch eine politische Botschaft. Wer Gewalt mit Gegengewalt beantworte, laufe Gefahr, "dass er den Teufelskreis des Todes weiter voran treibt", predigte Huber. Deutlich warnten die Kirchen vor weiteren militärischen Schritten, "auch gegen den Irak", sagte der Bischof.

Die amerikanische Gospelsängerin Jocelyn B. Smith holte die Trauer der Menschen wieder zurück. Ihr Lied widmete sie den Kindern, deren Väter oder Mütter an diesem 11. September 2001 nicht mehr nach Hause kamen, um ihnen "Gute Nacht" zu sagen.

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