Kritische Stimmen werden inzwischen auch in Paris immer lauter
Lucent und Alcatel geraten bei ihren Fusionsgesprächen stark unter Druck

Nachdem von einem der beiden Unternehmen Verhandlungen über eine Fusion erstmals indirekt eingeräumt worden sind, werden vor allem die Aktionäre des US Lucent Inc. -Telefonausrüsters unruhig. Sie fürchten, bei dem Deal ein schlechtes Geschäft zu machen. Denn der französische Netzausrüster Alcatel S.A. will sich Lucent offenbar einverleiben, ohne eine bei Übernahmen dieser Größenordnung übliche Prämie auf den Tageskurs zu zahlen.

PARIS/NEW YORK. Der überschuldete Lucent-Konzern könnte allerdings für Alcatel zu einem Fass ohne Boden werden. Für laufende Kosten und die Rückzahlung eines Teils seiner Kredite muss Lucent in den nächsten zwölf Monaten etwa 5 Mrd. Dollar locker machen. Damit wären sämtliche Kassenbestände aufgebraucht. Es dürfte außerdem schwer fallen, die gewerkschaftlich organisierte Belegschaft zu verkleinern.

Das bringt auch Alcatel zunehmend unter Druck. Zwar hat sich in Frankreich noch kein Aktionär zu den Plänen von Alcatel-Chef Serge Tchuruk geäußert. Doch jedesmal, wenn Informationen über die unter dem Deckmantel der Kaufverhandlungen über die Lucent-Fiberoptik ablaufenden Gespräche die Runde machen, sinkt der Alcatel-Kurs - gestern um rund 0,5 %. Angesichts des knappen Bewertungsvorsprungs von Alcatel (38,7 Mrd. Euro) gegenüber Lucent (37,2 Mrd. Euro) ist das für Alcatels Position extrem gefährlich. Auch daher drängen die Franzosen angeblich auf eine schnelle Klärung. Schon am Dienstag oder Mittwoch könnte es zu einer förmlichen Ankündigung oder Absage des Deals kommen.



Zudem melden sich in Paris die Kritiker zu Wort. "Hoffentlich kann Tchuruk der Versuchung widerstehen", mahnte ein Pariser Banker, der nicht genannt werden will. Ein Fondsmanager gab zu bedenken, dass die Lucent-Eigner ihre in den vergangenen zwei Jahren um 90 % entwerteten Aktien wohl immer noch für überbewertet hielten, wenn sie einem Abschluss ohne Prämie zustimmten.



Viele Beobachter hadern auch mit der enormen Gewinnverwässerung für die Alcatel-Aktionäre im Falle einer Übernahme von Lucent - der US-Konzern hat im vergangenen Jahr rund 4,2 Mrd. Euro Verlust eingefahren. Alcatel dagegen ist profitabel und gab bisher auch keine drastische Gewinnwarnung ab.



Dabei schafft das Auseinanderdriften der Kurse beider Netztechnik-Giganten überhaupt erst die Gelegenheit zu dem gegenwärtigen Übernahmeszenario. Vor zwei Jahren war Lucent noch fünfmal so hoch bewertet wie Alcatel, deren Aktien im Wert seither stiegen.



Technisch hat Lucent wenig im Katalog, was Alcatel nicht selbst anbieten könnte. Allerdings gibt es bei Lucents berühmten Bell Laboratories einige Projekte, etwa die Verschlüsselungstechnik, bei denen das Pentagon verhindern dürfte, dass sie unter französische Kontrolle gelangen. Hier liegt nach Einschätzung von Beobachtern in Paris ein Schlüsselproblem einer Fusion.



Doch ist der Drang nach Unternehmensgröße offenbar stärker: Neben Lucent und Alcatel, nach Umsatz aktuell auf Platz zwei und drei der Hersteller von Telefon- und Internet-Netztechnik, spielen dort nur noch Cisco Systems Inc. und Nortel Networks Inc. weltweit eine größere Rolle.



Alcatels

Zukäufe hatten immer stärker auf die Spezialisierung des Konzerns hingewiesen. Nach einer Reihe kleinerer US-Technologiefirmen erwarb Alcatel die kanadische Newbridge Inc. und schloss damit einige technische Lücken im eigenen Programm. Bei der Integration der US-Zukäufe bescheinigen ehemalige Manager den Franzosen allerdings Lernbedarf.



Das wäre eine Bürde für eine transatlantische Fusion, bei der Tchuruk das Ruder übernehmen würde. "Für ein US-Unternehmen ist es keine Selbstverständlichkeit, von Franzosen übernommen zu werden", kommentiert in der Presse anonym der Chef eines Pariser Großkonzerns Alcatels Pläne.

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