Kritischen Nachfragen weichen die US-Militärstrategen aus – Zensur für bin Ladens Propaganda
Kommentar: Leibwächter der Wahrheit

Sind bereits Bodentruppen der USA in Afghanistan im Einsatz? Ist Deutschland mit eigenen Soldaten beteiligt? Offizielle Stellen geben nur einen Bruchteil von dem, was sie wissen, preis. Im Krieg sind zuverlässige Informationen Mangelware.

WASHINGTON. Manchmal ist die Wahrheit wechselhaft wie das Wetter am Hindukusch. Der Herr im grauen Anzug mit der roten Krawatte spricht zum Beispiel über "die messbaren Erfolge" der amerikanischen Militärschläge in Afghanistan. Es ist US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, der im gleichen Moment einräumt, dass die Taliban-Milizen immer noch über "eine beträchtliche Zahl" von Luftabwehr-Raketen verfügen. "Wir haben unsere Aufgabe noch nicht erfüllt." Ein Journalist im Presseraum des Pentagons hakt nach: Der Kommandeur des Flugzeugträgers USS Enterprise habe doch noch vor zwei Tagen gesagt, die US-Luftwaffe müsse nur noch "Aufräumarbeiten" erledigen. Rumsfeld presst die Lippen zusammen und erklärt knapp: "Glauben Sie einfach nur mir." Gelächter im Saal.

Der Verteidigungsminister beherrscht die ganze Klaviatur der Mediendarstellung. Beim täglichen Pressebriefing gibt er sich mal charmant und kumpelhaft, mal bügelt er kritische Fragen in der Manier eines Schulmeisters ab. Der Fernsehkanal CNN begleitet den Kampf gegen das Taliban-Regime mit patriotischer Begleitmusik. Bei jeder Nachrichtensendung wird das Logo "Amerika schlägt zurück" samt Sternenbanner eingeblendet. Es folgen Meldungen über die neuesten Einsätze von Cruise Missiles, Militärjets und lasergesteuerten Waffen. Garniert wird das Ganze mit Film-Sequenzen über Bombenabwürfe: Der Krieg bekommt die Leichtigkeit eines Computerspiels.

Sicherheitsexperten analysieren beim Fernsehsender CNN fast stündlich die aktuellen Angriffe auf Ziele in Kabul, Kandahar oder Dschalalabad. Der pensionierte Luftwaffen-General Don Shepperd steht an diesem Tag vor einer riesigen Schwarz-Weiß-Aufnahme und erläutert die Zerstörung einer Autoreparaturwerkstatt auf einem Militärflughafen der Taliban. Gelbe Pfeile zeigen auf dunkle Flächen. "Ich sehe gar keine Fahrzeuge auf dem Foto", wirft die Reporterin ein. "Was sich in den Gebäuden befindet, kann ich Ihnen auch nicht sagen", meint der General.

Authentische Bilder oder trügerische Wirklichkeit? Mittlerweile ist der Krieg auch zu einem Kampf um das Fernsehpublikum geworden. Während Rumsfeld für die US-Marschroute der chirurgischen Schläge gegen den Terror und seine Infrastruktur wirbt, hält das Taliban-Regime mit Video-Aufzeichnungen über die massive Zerstörung von Wohngebieten dagegen. Aber Fragen bleiben offen: Wie fokussiert ist die amerikanische Militärstrategie? Wird sie von einem politischen Konzept flankiert? Und wie eng ist das Taliban-Regime mit dem terroristischen Netzwerk Osama bin Ladens verwoben?

Bei einer derartigen Inflation mit gefilterten Daten wird die Auswahl von Nachrichten zu einem schwierigen Geschäft. Fast alle offiziellen US-Stellen schmettern konkrete Journalistenfragen ab. Auch Kontakte, die über Jahre hinweg vertraulich geknüpft wurden, schalten einen Gang zurück. "Die Vertreter der Regierung sagen nur einen Bruchteil von dem, was sie wissen", betont der Pentagon-Reporter Vernon Loeb von der Tageszeitung Washington Post. "Das ist zuweilen irreführend." Indirekte Quellen geben zwar mehr Auskunft, verfügen aber in der Regel über weniger Informationen. Das Verhältnis zwischen Politik und Journalismus sei besonders in Kriegszeiten von "natürlichen Spannungen" geprägt, meint Loeb.

Dennoch stehen die amerikanischen Medien ihrer Administration bislang eher wohlwollend gegenüber. Fünf große Fernsehsender reagierten postwendend auf eine Intervention des Weißen Hauses: Künftig werden TV-Botschaften von bin Laden und seinen publizistischen Hilfstruppen kritisch redigiert. Die Washington Post hielt Top-Secret-Informationen von Kongressabgeordneten aus Sicherheitsgründen zurück.

Allerdings ist bei weitem nicht jeder mit diesem System der Abschottung einverstanden. "Patriotismus und Offenheit gehören zusammen", unterstreicht der Medienexperte Robert Manoff von der New York University. Gleichwohl hat Verteidigungsminister Rumsfeld in dieser neuen Welt des Krieges seinen eigenen Standpunkt. "Manchmal ist die Wahrheit so kostbar, dass sie die Lüge als Leibwächter benötigt", sagte er kürzlich. Und weiter: "Ich kann mich nicht erinnern, die Presse jemals belogen zu haben. Es gibt Dutzende Wege, eine Situation zu vermeiden, in der man lügen muss." Nebelkerzen? Taktische Finten? Der Kampf um glaubhafte Informationen findet auf vermintem Gelände statt.

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
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