Archiv
Kritischer Blick auf die Technik

Technologieaktien zeigen immer wieder Ansätze zum Neustart. Ob er endlich gelingt, hängt von den nächsten Quartalszahlen ab.

20./21.4.2001 Heutzutage den Markt zu verfolgen, ist wie den Neffen und Nichten zuzuschauen, wie sie erwachsen werden, nur ist es jetzt umgekehrt. Jedes Mal wenn sie zum Essen vorbeikommen, sind sie etwas kleiner geworden." Dieses sinngemäße Zitat aus der Techno-Kult-Postille "Red Herring" hat Eingang gefunden in die jüngste globale Studie der Investmentbank UBS Warburg und trifft den Kern der Sache. Von einem Quartal zum nächsten hagelt es Gewinnwarnungen, für das vergangene Quartal haben schon wieder rund zwei Drittel aller US-Konzerne die Analysten darauf eingestimmt, dass sie ihre Ziele verfehlen werden.

Aus den ersten vorgelegten Bilanzen lässt sich leider keine einheitliche Tendenz ablesen. Der Online-Händler Amazon und der PC-Hersteller Dell enttäuschten nicht und auch der Gewinn des britischen Chip ARM Holdings-Entwicklers lag über den Prognosen. Motorola schrieb dagegen erstmals seit 15 Jahren rote Zahlen und machte wenig Hoffnung für das zweite Quartal. Und nach dem katastrophalen Ausblick des Telekom-Ausrüsters Cisco ging der gesamte Markt erneut auf Tauchstation.

Wann wird die Durststrecke zu Ende sein, fragten sich auch die UBS-Warburg-Experten, und reichten die Frage an ihre institutionellen Kunden weiter. Die Antworten:

Gemessen am Tech-Index von Standard & Poor's werden die Gewinnrevisionen im September auslaufen, UBS Warburg geht von Ende Juni aus.

Der Überhang bei den Lagerbeständen wird ebenfalls im September abgebaut sein.

Letztendlich werden die Gewinne in diesem Jahr gegenüber 2000 um 32 Prozent niedriger ausfallen. Wenn die Gewinnprognosen bis September immer weiter zurückgenommen werden, können auch minus 50 Prozent herauskommen.

Nächstes Jahr steigen die Gewinne wieder um mindestens 20 Prozent.

Da die Börse ja solche Entwicklungen mit einem Vorlauf von rund einem halben Jahr vorwegnimmt, müsste man da nicht jetzt schon aufspringen? Schließlich sind vor allem die Halbleiteraktien - die ja als geborene Frühzykliker als erste aus einem Tech-Abschwung herauskommen sollten - in der vergangenen Woche schon kräftig gestiegen.

Ioannis Papassavvas, Technologieexperte bei der Fondsgesellschaft Dit, ist noch skeptisch. "Die Richtung stimmt, aber die Bewegung kommt zu schnell. Sicherlich werden wir auch noch mal runtergehen", gibt er zu bedenken. Schließlich stünden die ganz großen Prüfsteine noch aus, etwa die Quartalsbilanzen von Alcatel, Cisco und Oracle. Wichtig sei, dass auch private Anleger weniger auf die tatsächlichen Zahlen, sondern auf den Ausblick für den Rest des Jahres achteten. "30 Prozent der Reaktionen gehen auf das Konto der Zahlen, 70 Prozent auf den Ausblick hinsichtlich Strategien und Positionierung", so Papassavvas. Das ist auch nur logisch, denn wenn ein Unternehmen seine Gewinnerwartung schon fünfmal nach unten korrigiert hat, ist es kein Wunder, wenn die Prognose dann übertroffen wird.

Historisch gesehen spricht einiges dafür, dass ein Großteil der Baisse hinter uns liegt. Die Analysten von Credit Suisse First Boston haben herausgefunden, dass der gegenwärtige Abschwung jetzt seit rund 220 Tagen anhält und damit länger dauert, als die meisten Bärenfeierlichkeiten zuvor. Aber: In der Ölpreiskrise 1973/74 mussten die Anleger 631 Tage ausharren - gemessen daran, wäre jetzt noch nicht einmal Halbzeit.

Das Rückschlagspotenzial vom gegenwärtigen Niveau aus veranschlagen die meisten Experten auf zehn bis 20 Prozent. Das würden die meisten Fondsmanager dann als Kaufgelegenheit nutzen, meint Merrill Lynch. 82 Prozent der befragten Fondsmanager würden dann zugreifen, nur zwei Prozent gaben an, dann weiter Aktien abzugeben. Eigentlich eine gute Sache, aber für Merrill Lynch auch Ansatzpunkt für neues Grübeln: Wenn die Fondsmanager so reagieren, dann ist das nicht die herbeigesehnte Kapitulation der Käufer, die als Vorbedingung für eine Trendwende angesehen wird.

Das Investmenthaus Salomon Smith Barney stellt noch eine ganz grundsätzliche Überlegung an: Ist es eine ausgemachte Sache, dass die Tech-Aktien sich bei einer Erholung der Börsen wieder an die Spitze setzen werden? Die Antwort: eher nicht, sieht man sich die früheren Börsenstars wie Energieaktien (1978 bis 1980) und Einzelhandelswerte (1981 bis 1992) an. Ihre Boomphasen endeten in "Gewinnkrisen". Ähnliches widerfährt jetzt den Technologiewerten.

Nach den Einbrüchen dauerte es lange, bis sie sich wieder stabilisiert hatten, aber besser als der Markt wurde ihre Ertragslage nicht mehr.

Wenn die Frühindikatoren auf eine Konjunkturerholung im dritten und vierten Quartal 2001 hindeuten, dann sollten die Anleger überlegen, ob sie sich jetzt stärker bei ausgesuchten Tech-Aktien engagieren. Dabei sollten sie mindestens einen Anlagehorizont von zwölf Monaten haben, meint DIT-Manager Papassavvas.

J.P. Morgan sieht als relativ sichere Einstiegskandidaten VeriSign, First Data und CheckFree, die in den Bereichen Sicherheit und Zahlungssysteme für die Internetinfrastruktur tätig sind. Auch Halbleiter- und Softwareaktien werden von Fondsmanagern als aussichtsreich eingestuft, darunter Micron Technology und Microsoft. Genaueres wissen wir alle nach dem 15. Mai, wenn der Reigen der Quartalsberichte nachlässt.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%