Kritischer Report über niederländischen Uno-Einsatz 1995 in Bosnien
Den Haag trägt Mitschuld an Srebrenica-Massaker

"Ich habe mit Srebrenica abgeschlossen", sagt Bas Winkler, ehemals Mitglied des niederländischen Blauhelmkontingents (Dutchbat) in der bosnischen Uno-Schutzzone. Viele Niederländer haben das nicht: Die Tatenlosigkeit ihrer Soldaten bei der Einnahme der Moslem-Enklave durch die Truppen des Serben-Generals Ratko Mladic 1995 sorgt nach wie vor für Diskussionsstoff.

BRÜSSEL. Ein Report, den das Niederländische Institut für Kriegsdokumentation (Niod) vorgelegt hat, sollte im Auftrag der Regierung Licht in die Geschehnisse vor sieben Jahren bringen. Bas Winkler will wie viele seiner alten Kameraden nur noch eines: "Die Verantwortung unserer Politiker soll endlich auf den Tisch". Der 10 Kilo schweren Bericht nimmt zwar nur an wenigen Stellen auf die Politik Bezug - dort aber deutlich: Die Regierung habe eine Mitverantwortung an dem Massaker, das dem kampflosen Abzug der Blauhelme folgte.

Nur unzureichend vorbereitete Soldaten seien in die Uno-Schutzzone geschickt worden, Den Haag habe seiner Truppe keine klaren Anweisungen gegeben und die Augen vor den Risiken des Einsatzes verschlossen. Und dazu: Die militärische und politische Führung habe geheimdienstliche Informationen nicht genutzt. "Unsere Politiker haben außerdem etwas Wichtiges vergessen", meint Bas Winkler. "Die Aufgabe von Soldaten ist zu kämpfen". Die Sorge um die eigene Truppe habe den Politikern den Blick auf die Situation vor Ort verstellt.

Auch der sozialdemokratische Ministerpräsident Wim Kok, der die Uno-Mission bei seinem Amtsantritt 1994 übernommen hatte, kommt in dem Report nicht gut weg: Er habe sich, als die Situation im Juli 1995 eskalierte, politisch zurückgehalten und die Arbeit seinem Verteidigungsminister Joris Voorhoeve überlassen. Als Hauptverantwortlichen macht Niod aber den Serben-General Mladic aus. Für eine Mitwisserschaft des jugoslawischen Präsidenten Milosevic habe man dagegen keinen Beweis gefunden, heißt es im Report.

Das Thema "Srebrenica" ist fünf Wochen vor den Parlamentswahlen eine offene Flanke für Kok. Der unglückliche Einsatz der Dutchbat kratzt an seinem Image. Die Bilder flackern heute wieder über Hollands Fernsehschirme: Soldaten trinken Bier nach der Beerdigung eines Kameraden, und bekommen nicht mit, dass um sie herum das vermutlich größte Massaker in Europa nach Ende des Zweiten Weltkriegs stattfindet. Mehr als 7 000 muslimische Männer sind verschwunden. Dutchbat hatte zuvor den serbischen Truppen bei der Evakuierung der Frauen und der Trennung von ihren Männern geholfen. Äußerungen des Umweltministers Jan Pronk, der bereits 1995 im Kabinett saß, er selbst und die Niederlande hätten damals versagt, hatten bei Kok offene Verärgerung ausgelöst.

Bei aller Kritik macht der Bericht klar: Die Truppe habe unter den gegebenen Umständen kaum Optionen gehabt. Ein Schlussstrich werden die über 3 000 Seiten aber nicht setzen. Die Sozialdemokraten wollen einen Untersuchungsausschuss.

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