Kryptische Kürzel für Eilige
Das Hohelied der SMS

Millionen von Kurznachrichten werden täglich gefunkt, darunter jede Menge Liebesgeflüster.

HB. Das Handy fiepst und auf dem Display erscheint eine Botschaft: "Kild. Vegimini." Kleine Wortkrüppel, die übersetzt "Kuss, ich liebe Dich. Vergiss mich nicht" heißen. Spricht so der Liebste? Vielleicht, denn wenn er zu den digitalen Geheimniskrämern gehört, wird seine Nummer nicht angezeigt. Vielleicht hat sich jemand vertippt. Trotzdem dürften die kleinen Wortkrüppel das Herz fast jeder Empfängerin rühren, denn sie sind Signal dafür, dass jenseits von Meetings, Börsendepots und Dotcom-Sterben noch eine Welt der Gefühle existiert.

Was also tun? Abgebrühte greifen zur SMS-Fibel, suchen sich eine passende Antwort aus und geben dann vielleicht "Waudi, hase" ein, was soviel bedeutet wie "Warte auf Dich, habe Sehnsucht". Natürlich könnte man auch "Dad" (Denk an Dich) plus Amoricon (:-* für Kuss oder @--- für Rose) als SMS verschicken, "simsen" sagt der Eingeweihte. Oder ganz brutal "Kajenimemispä" (Kann jetzt nicht, melde mich später!). Derlei Kürzel sind gerade bei denen beliebt, die vom Tempowahn befallen sind. Hauptsache, die Botschaft kommt rüber, mögen sie denken und blind auf das Verständnis des Gegenüber vertrauen. Das sind die Typen, die aus dem Flieger purzeln, ihr Handy zücken, "Schatz, ich bin jetzt da" rufen, ins Taxi springen und im Geiste schon die Gebühren kalkulieren.

Andere wiederum mögen?s blumiger. "Ich möchte eine Träne von Dir sein. Geboren aus Deinen Augen. Deine Wangen benetzen und auf Deinen Lippen zergehen"? Passt mit 114 Zeichen immer noch in den Rahmen der maximal 160 Zeichen, und dürfte die begeistern, die einst auch beim "Englischen Patienten" geheult haben.

Liebeserklärungen von der Stange? Für viele Menschen kein Problem. "Dann muss ich mich wenigstens nicht über Kommafehler ärgern", meint Thilo, Bankkaufmann aus Oldenburg, "wenn ich eine SMS bekomme und da sind schon zehn Fehler drin, dann ist die ganze Stimmung dahin." "Schreibfehler in einer SMS, das ist, als ob man einen Jogginganzug zum Rendezvous trägt", ergänzt Anna, eine Web-Designerin, die sich ebenfalls zur Lektüre solcher Ratgeber bekennt. "Jedenfalls muss ich mir keine Gedanken machen, wie ich meine Angebetete beeindrucken kann", mailt ein gewisser Ivo.

Für Schauspielerin Katharina, deren Regisseurs-Gatte meist Hunderte von Kilometern entfernt inszeniert, kämen derlei Angebote nicht in Frage. "Ich geh? auch nicht zu McDonalds", rümpft sie die Nase. Die Mittvierzigerin schwört auf Lyrisches. "Ich sammle die Schatten der Palmen auf, darunter du wandeltest", rezitiert sie Else Lasker-Schüler. Oder die latein-amerikanische Dichterin Gioconda Belli: "Dein Körper ist das verlorene Paradies aus dem mich nie ein Gott wird vertreiben." "Starke Botschaften, gewiss, aber wer hat schon immer ein Gedicht parat? Seit sie simse, stöbere sie wieder in ihren alten Gedichtbänden, räumt Katharina ein, selbst das Hohelied Salomos eigne sich für leidenschaftliche Kurznachrichten, behauptet sie.

Liebe in den Zeiten elektronischer Kommunikation: Spätestens mit dem Erfolg von "E-Mail für Dich" ist klar, dass die neuen Medien nicht nur zum so genannten E-Business taugen, sie berühren tatsächlich auch die Herzen. Längst hat sich eine ganze Industrie entwickelt, um die Sehnsucht der Menschen nach dem großen Gefühl zu befriedigen. Software-Häuser bieten Programme mit Textbausteinen für mehr oder minder schwülstige Liebesbriefe, Verlage liefern die entsprechenden Bücher, im Internet blühen Single- Börsen, Flirt-Kanäle, kein Netzanbieter, der nicht auch einen SMS-Service für Menschen in Flirtlaune bereithält.

Kulturpessimisten mögen nörgeln, dass die Menschen trotzdem vereinsamen, dass Lebensentwürfe nach anonymen Vorbildern gestaltet werden. Und gewiss ist die Atmosphäre, die diese Produkte beseelt, nicht gerade Ausdruck von individuellem Stil. Was aber bei aller Nörgelei übersehen wird, ist, dass das Wort in den neuen Medien seinen ursprünglichen, fast archaischen Zauber wieder erhält.

Monika, die junge Sportlehrerin, nannte sich "Fee", als sie sich im Chat anmeldete. Dort traf sie "Jojo", der eigentlich Thomas heißt. Das war vor zwei Jahren, gerade haben die beiden eine gemeinsame Wohnung bezogen. "Er bleibt für mich Jojo", sagt sie, "meine Freunde kennen seinen richtigen Namen gar nicht." Der Angesprochene lächelt. "Ich nenne sie nicht so, aber sie ist eine Fee."

Oder Martina, die BWL-Studentin. Wochenlang, so erzählt sie, habe sie mit ihrem Prinzen gesimst. Nur geredet hätten sie nicht. Selbst im Ski-Urlaub mit Kommilitonen sei das Liebesgeflüster nachts von Chalet zu Chalet gefunkt worden. Die schönsten Komplimente habe sie erhalten und bis heute kriege sie dieses Kribbeln im Bauch, wenn ihr Handy piepe und eine neue Liebes-Mail ankündige. Dabei sind die beiden inzwischen ein Paar und keine Nacht mehr getrennt. "Es ist leichter, eine Liebeserklärung zu simsen als sie auszusprechen", sagt Martina, und da steht sie nicht allein. In einer Umfrage der Berliner Jamba! AG bekannten sich kürzlich fast zwei Drittel der jungen Frauen zu dieser versteckten Art der Kommunikation. Papier ist geduldig, sagte man früher, und berauschte sich an der Literatur, die aus den stürmischen Gefühlen scheuer Liebender entstand.

"O du Engel! Ach, ich wußte, daß Du mich liebtest, wußte es an dem ersten seelenvollen Blick, an dem ersten Händedruck." So Werther weiland an Lotte. Paßt übrigens auch in eine SMS. Nur leider nicht mehr ganz in unsere Zeit.

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