Kündigung nur eines Arbeitnehmers unwirksam: Chef muss Streithähne gleichermaßen bestrafen

Kündigung nur eines Arbeitnehmers unwirksam
Chef muss Streithähne gleichermaßen bestrafen

Wenn eine anfängliche Frotzelei unter Arbeitskollegen in eine handfeste Auseinandersetzung ausartet, sollte zumindest der Arbeitgeber einen kühlen Kopf bewahren. Kündigt er nämlich nur einem der Streithähne und mahnt den anderen nicht einmal ab, obwohl der den Streit ausgelöst und in gleicher Weise zur Eskalation beigetragen hat, ist die fristlose Kündigung unverhältnismäßig.

crz BRÜHL. Das hat das Landesarbeitsgericht (LAG) Niedersachsen entschieden. Eine derartige Ungleichbehandlung lässt sich nach Meinung des Gerichts auch nicht mit dem nahenden Ruhestand des Provokateurs rechtfertigen.

Im Übrigen könne sich im jeweiligen Einzelfall eine Abmahnung als ausreichend erweisen - etwa dann, wenn der Betriebsfrieden durch eine gegenseitige Entschuldigung der beteiligten Arbeitnehmer wieder hergestellt sei. Der Kläger war seit 10 Jahren beanstandungsfrei als Müllwerker in einem öffentlichen Entsorgungsbetrieb beschäftigt. Als er eines Mittags den Sozialraum betrat, wurde er von einem älteren Arbeitnehmer, der mit anderen Kollegen Karten spielte, als "Pflegefall" angesprochen. Der Kläger ließ sich das nicht bieten und öffnete dem Kollegen die Schnappverschlüsse der Hosenträger an dessen Latzhose. Dieser erwiderte das Verhalten, indem er dem Kläger warmen Kaffee in das Gesicht schüttete.

Daraufhin goss der Kläger seinerseits über den Kollegen eine heiße Tasse Tee aus, wodurch dieser Verbrennungen ersten Grades erlitt. Die Verletzung heilte allerdings schnell und problemlos ab. Obwohl sich der Kläger drei Tage später schriftlich bei seinem Arbeitskollegen entschuldigt hatte und sich daraufhin beide wieder vertrugen, kündigte ihm der Arbeitgeber fristlos, während gegen den Kollegen, der sechs Wochen später in Pension gehen sollte, keine Maßnahmen eingeleitet wurden. Das LAG Niedersachsen erklärte die fristlose Kündigung für unwirksam.

Allein das generalpräventive Ziel des Arbeitgebers, im "rauhen Genre" unter Müllwerkern tätliche Auseinandersetzungen nicht zu dulden und konsequent durchzugreifen, rechtfertige keine fristlose Kündigung. Im konkreten Fall sei davon auszugehen, dass der Betriebsfrieden wieder hergestellt sei, weshalb der Arbeitgeber bei einem einmaligen Vorgang dieser Art eine Abmahnung als milderes Mittel hätte in Betracht ziehen müssen. Die hätte im Übrigen auch gegenüber dem älteren Arbeitskollegen ausgesprochen werden müssen, um zu verdeutlichen, dass auch kurz vor der Pensionierung stehende Arbeitnehmer Kollegen nicht ohne mögliche arbeitsrechtliche Konsequenzen beleidigen dürfen.

Aktenzeichen:
LAG Niedersachsen: 5 Sa 517/02

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