Künftige Digitalnetze sorgen für Unsicherheit in den Fernseh-Zentralen
TV-Sender schwanken zwischen Furcht und Hoffnung

Der Verkauf der regionalen TV-Kabelnetze an private Unternehmen wie Liberty und Callahan bringt Bewegung in den deutschen Fernsehmarkt. Die meisten Sender hoffen auf gute Geschäfte mit den US-amerikanischen Unternehmen - doch zugleich ist ihre Unsicherheit groß.

DÜSSELDORF. Die Medienkonzerne fürchten, dass die Kabelfirmen ihre eigenen Inhalte einspeisen könnten. "Wir kennen die neuen Akteure auf dem Markt nicht ausreichend", erklärt Thorsten Grothe, Vize-Geschäfsführer des Verbandes Privater Rundfunk und Telekommunikation (VPRT) e.V. So wie dem Verband geht es auch den meisten Sendern. ZDF-Intendant Dieter Stolte beispielsweise hatte bis zur vergangenen Woche noch nie mit einem Liberty-Manager gesprochen. Dann aber gab die bei dem Kabelnetzbetreiber für das Europageschäft zuständige Managerin Miranda Curtis ihre Visitenkarte auf dem Mainzer Lerchenberg ab. Curtis? Botschaft war klar: Die öffentlich-rechtlichen Sender hätten von den neuen Herren des deutschen Kabels nichts zu befürchten. In der Tat: Stolte kann eher gelassen in die Zukunft blicken. Denn der Rundfunkstaatsvertrag verpflichtet die Netzbetreiber, ARD und ZDF zu verbreiten.

Bei RTL und Kirch hingegen ist die Gelassenheit nicht gerade groß. Bei den Premium-Programmen wie RTL oder Pro Sieben (Kirch) dürfte es zwar keine Probleme geben. "Wir sind ganz selbstbewusst. RTL ist eine wunderbare Marke mit starker Strahlkraft", sagt Unternehmenssprecherin Ingrid Hass. Hinter vorgehaltener Hand befürchten Konzernstrategen aber, dass Programme aus der zweiten Reihe wie Vox (RTL Group) oder Kabel 1 (Pro Sieben Sat.1 Media AG) aus den Netzen von Callahan oder Liberty fliegen könnten. Der private Kabelnetzbetreiber Primacom etwa hatte im Herbst 2000 in Leipzig Pro Sieben und Vox in bestimmten Straßenzügen nicht mehr verbreitet. Die Sender waren nur noch im digitalen, kostenpflichtigen Programmpaket zu sehen.

"Wir haben es jetzt mit Medienunternehmen zu tun, die nicht nur über die technische Infrastruktur verfügen, sondern auch Inhalte anbieten", sagt VPRT-Geschäftsführer Grothe. Noch ist unklar, bis wann die bislang überwiegend analogen Netze auf Digitaltechnik umgestellt werden. Sowohl die Privaten als auch ARD und ZDF befürchten, dass die Kabelunternehmer eigene Decoder-Systeme in den deutschen Markt einführen könnten. Die Fernsehbranche setzt derzeit auf Verhandlungen, um einen offenen Zugang zu erreichen. "Wir fordern neue Regeln für den deutschen Fernsehmarkt, die verhindern, dass die privaten Netzbetreiber ihre marktbeherrschende Stellung zu Lasten privater Rundfunkunternehmen ausnutzen", erklärt Grothe.

Interaktive Programmformate zur Internationalen Funkausstellung

Wie lange der Übergang vom analogen zum digitalen Fernsehen dauern wird, darüber könnten die Marktteilnehmer nur spekulieren, sagt Grothe. Optimisten gehen davon aus, dass bis 2010 alles über die Bühne ist. Callahan jedenfalls stellt in Nordrhein-Westfalen jetzt schon die Kabelbelegung um. Callahan braucht Platz für den Rückkanal, der wiederum Voraussetzung für Internet und digitales, interaktives Fernsehen ist.

Die meisten Sender arbeiten mit Hochdruck an interaktiven Formaten. Zuschauer könnten dann etwa beim RTL-Zuschauermagneten "Wer wird Millionär?" per Fernbedienung live mitspielen. Schon jetzt beteiligt sich ein Prozent der Zuschauer über das Internet. Die Internettochter RTL New Media wird auf der Internationalen Funkausstellung in Berlin Ende August interaktive Anwendungen zeigen. Auch das ZDF will dort interaktive Formate präsentieren, beispielsweise die Uralt-Kindersendung "Eins, zwei oder drei".

Hans-Peter Siebenhaar ist Handelsblatt-Korrespondent in Wien und ist Autor der Kolumne „Medienkommissar“.
Hans-Peter Siebenhaar
Handelsblatt / Korrespondent für Österreich und Südosteuropa
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