Künftige Führung hat Spielraum für weitere Zukäufe – Kuhnt übergibt ein bestelltes Haus
RWE-Chef Roels vor Bewährungsprobe

Gerade noch rechtzeitig vor der Hauptversammlung am Donnerstag hat der Energiekonzern RWE die Führungsfrage gelöst: Harry Roels wird einen von Grund auf veränderten, auf Versorgung und Entsorgung ausgerichteten Konzern leiten. Der Niederländer steht dabei auch vor politischen Hürden.

ESSEN. Auf den letzen Drücker hat die RWE ihre Führungsfrage entschieden. Der Niederländer und Ölmanager Harry Roels wird neuer Chef des Essener Energiekonzerns. Die Aktionäre der RWE AG werden am kommenden Donnerstag auf der Hauptversammlung in Essen daher ein zufriedenes Spitzenduo erleben. Aufsichtsratschef Friedel Neuber hat nach einer zähen Kandidatenkür die Kurve gekriegt und seinen Favoriten Harry Roels durchgesetzt. Und der Ende Februar 2003 scheidende Konzernchef Dietmar Kuhnt kann bei der Hauptversammlung mit Beifall für seine Weichenstellungen rechnen. Höchstens der schwache Kurs der Aktie dürfte in der Kritik stehen.

Dennoch tritt Roels kein leichtes Erbe an. Denn sein Vorgänger hat die RWE in den vergangenen Jahren völlig umgekrempelt. Mit dem ehemaligen Spitzenmanager der Royal-Dutch/Shell steht nun erstmals in der gut 100jährigen Geschichte der RWE ein nicht-konzerngedienter Ausländer an der Spitze. Kuhnt habe gesät, Roels werde womöglich am Ende ernten können, sagte der Essener Energieexperte, Prof. Dieter Schmitt. Der Neue müsse konsolidieren und zugleich neue Wachstumsschritte wagen. Es sei zu vermuten, dass Roels stärker auf den Ausbau der Erdgas-Sparte als auf das Wassergeschäft setzen werde. Denn die Essener hätten gewaltigen Nachholbedarf gegenüber dem Düsseldorfer Konkurrenten Eon. Dies gelte vor allem dann, wenn Eon durch eine Ministererlaubnis die Mehrheit bei der Ruhrgas erhalte, betonte Schmitt.

Die Kraft für neues Wachstum hat RWE, denn trotz der jüngsten Zukäufe könnten die Essener attraktive Gelegenheiten immer noch problemlos finanzieren, heißt es in unternehmensnahen Kreisen. Kuhnt hat allein die Erlöse aus den Verkäufen von Heidelberger Druck, Hochtief und RWE Dea auf mindestens 5 Mrd. Euro beziffert. Im Kraftwerksbereich wird über eine Übernahme der RAG-Tochter Steag spekuliert, in der Wassersparte bringt man RWE mit der Eon-Tochter Gelsenwasser oder der französischen Saur in Verbindung.

Aber Roels muss sich nicht nur unternehmerisch, sondern auch politisch bewähren. Dies sei ein Spagat, verlautete aus unternehmensnahen Kreisen. Denn hierzulande brauche man für den Erfolg generell politisch gute Drähte. Bei RWE sei dies umso mehr nötig, schließlich haben die Kommunen noch immer ein gehöriges Wort mitzureden. Für Roels jedoch sei die deutsche Politik ein Buch mit sieben Siegeln. Er brauche deshalb den Beistand politisch erfahrener Vorstände. Hierfür käme Richard Klein in Frage, sagte ein Vertreter des kommunalen Lagers.

Das jedoch wäre eine brisante Konstellation, schließlich hatte sich Klein bis zuletzt selbst Hoffnungen auf den RWE-Chefposten gemacht. Stützen dürfte sich Roels jedoch auf seinen Vorgänger. Sollte Kuhnt Anfang 2003 Neuber als Aufsichtsratschef beerben, könnte er seine guten politischen Kontakte in die Waagschale zu werfen.

Das Erbe Kuhnts kann sich jedenfalls sehen lassen. Das Haus sei gut geordnet, sagte der Essener Energieprofessor Schmitt. Kuhnt habe in seiner achtjährigen Amtszeit das Fundament Unternehmen gelegt, das auch auf liberalisierten Energiemärkten wettbewerbsfähig sei.

Seit 1995 hat der Konzern beinahe 35 Mrd. Euro in Unternehmenskäufe investiert. Dabei wurde aus dem einstigen Mischkonzern ein "paneuropäischer Multi-Utility-Anbieter" mit Schwerpunkten Strom, Wasser, Gas sowie Umweltservice. Mittlerweile trägt das Kerngeschäft 90 % zum Ergebnis bei. Nach dem geplanten Verkauf der Finanzbeteiligungen Hochtief und Heidelberger Druck sollen es bis spätestens Ende nächsten Jahres 100 % werden, wird Kuhnt versprechen. Im Kerngeschäft sollen Regionalmärkte mit Schwerpunkten in Europa und Nordamerika erobert werden. Mit den Käufen des britischen Wasserversorgers Thames Water, des US-Wasserversorgers American Water Works, der tschechischen Transgas und des britischen Energieversorgers Innogy wurden bereits günstige Startplätze besetzt.

Der scheidende RWE-Chef habe mit seinen milliardenschweren Zukäufen Mut bewiesen, lobt Karlheinz Bozen, Vize-Präsident der Münchener Beratungsgruppe Booz Allen & Hamilton. Aufsichtsratschef Neuber und sein Kollege Paul Achleitner vom Großaktionär Allianz hoffen derweil darauf, dass der Neue als ausgewiesener Energiemanager dafür sorgt, dass sich die Kuhntsche Wende auch an der Börse positiv bemerkbar macht.

Quelle: Handelsblatt

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