Künftiger Chef der Stihl-Gruppe
Harald Joos: Der geborene Verkäufer

Er bewegt sich am liebsten in luftiger Höhe. Mit 16 Jahren bevorzugte er noch Segelflugzeuge. Heute steuert Harald Joos lieber eine Beach Bonanza, ein größeres Sportflugzeug mit einem 325-PS-Motor. Trotz seiner langen Pilotenerfahrung kann er den Firmenpatriarchen Hans Peter Stihl aber nicht zu einem Ausflug überreden. "Das Flugzeug ist für mich ein Transportmittel und da fliege ich nur mit Berufspiloten", macht der knapp 70-jährige Stihl, der gerne schnelle Autos und Motorräder fährt, dem 49-jährigen Joos klar.

Doch den weltgrößten Sägenhersteller Andreas Stihl AG & Co. will der Ex-Präsident der Deutschen Industrie- und Handelskammer dem Luft- und Raumfahrtingenieur anvertrauen. Zwar hat Joos bei IBM und zuletzt als Deutschland-Chef des Aufzugherstellers Schindler schon reichlich Managementerfahrung gesammelt. Doch als Externer muss er in dem von Eigentümern geprägten Familienunternehmen Fingerspitzengefühl beweisen.

Beim Sägenhersteller wird nicht nur ein Generationswechsel vollzogen, es beginnt gleich eine neue Epoche in der 76-jährigen Firmengeschichte. Am 1. Juli zieht sich nicht nur Stihl von der Spitze zurück, sondern sieben von acht Vorständen: seine Schwester (Finanzen), sein Bruder (Recht) und sein Schwager (Marketing/Vertrieb). Joos startet mit vier neuen Kollegen, von denen nur einer aus dem Hause kommt.

Kontrastprogramm zu früher

Das ist ein tiefer Einschnitt und ein Kulturschock für den bisher von den Eigentümern geführten Waiblinger Konzern. Schon vom Typ her ist der Neue ein Kontrastprogramm zu Stihl. Hier der schlanke große Joos, im dunklen Anzug mit Weste und hellblauem weiß gepunkteten Einstecktuch, der noch immer als klassischer IBMler durchgehen würde. Dort der sehr unauffällig gekleidete, eher kleine Stihl.

Joos ist, ganz anders als Stihl, extrovertiert. "Ein Mann, der fröhlich ist und gern lacht", sagen Weggefährten von Schindler aus Berlin. Seine Welt sei der Verkauf und das Präsentieren des Unternehmens. Die tägliche Arbeit nach innen überlasse er lieber seinen Führungskräften. "Bei wirklich wichtigen Dingen jedoch ist Joos präsent und entscheidet schnell", heißt es in Berlin.

Er hat Erfahrung im Umgang mit Familienunternehmen. Beim Aufzughersteller Schindler war er es gewohnt, dass der Verwaltungsrat die Strategie vorgab, und er sie umzusetzen hatte. Seine Aufgabe war es, den Umsatz zu steigern, was ihm auch gelang.

In Waiblingen hat er deutlich mehr Verantwortung. Er führt einen weltweit tätigen Konzern mit 7 000 Mitarbeitern und knapp 1,5 Milliarden Euro Umsatz. Außerdem hofft er auf größere unternehmerische Freiheiten. "Das ist der Hauptanreiz für den Wechsel", sagt Joos und verweist darauf, dass er das Angebot hatte, in die Konzernleitung von Schindler zu wechseln. Allerdings hätte er als Deutscher nie die Chance gehabt, an die Spitze des Schweizer Unternehmens zu rücken.

Unter strenger Beobachtung

Mit Spannung wird in der Waiblinger Zentrale beobachtet werden, wie viel Freiheit die Gesellschafter dem neuen Chef einräumen. Im Beirat, dem obersten Kontrollgremium des Sägenherstellers, sind neben drei externen Managern die Gesellschafter vertreten. Hans Peter Stihl sagt, dass er sich nicht in das operative Geschäft einmischen will. Doch er wird vom Beirat aus weiter einen strengen Blick auf sein Lebenswerk werfen.

Eines dürfte Joos besonders schwer fallen: die Rendite zu verbessern. Auch wenn Stihl keine Gewinne veröffentlicht, ist klar, dass es zu den bestverdienenden Industrieunternehmen Deutschlands zählt. Die Eigenkapitalquote lag im Jahr 2000 bei 70 Prozent.

Seit Anfang April arbeitet sich Joos in Waiblingen ein. Gleich am dritten Tag hat er alle Stihl-Produkte ausprobiert und im nahen Wald einen Baum mit 40 cm dickem Stamm gefällt. "Der Baum fiel in die richtige Richtung", freut sich Joos und stöhnt über seinen Muskelkater. Er will für die Mitarbeiter berechenbar sein, nennt er als eines seiner Führungsprinzipien. Manchmal fehle es ihm an Geduld, sagt er. Langsame Mitarbeiter liegen ihm nicht. Und dreimal das Gleiche erklären mag er auch nicht.

Die Geduld des Familienvaters wurde bei Schindler anfangs auf eine harte Probe gestellt. Nach dem Zusammenbruch der Baubranche in Ostdeutschland musste Joos, der bei IBM vor allem Kundenorientierung gelernt hatte, Werke schließen und Personal abbauen. Das sei ihm an die Nieren gegangen, sagt er. Bei Stihl sind solche Probleme - angesichts großzügiger Sozialleistungen - kaum in Sicht.

Vita

Harald Joos, am 26. Mai 1952 in Ulm geboren, studiert in Stuttgart Luft- und Raumfahrttechnik. 1981 beginnt er seine Karriere als Assistent der Geschäftsleitung der IBM Deutschland GmbH. 1990 übernimmt er als Direktor die IBM-Niederlassung West-Berlin, zu der auch die neuen Bundesländer gehören. 1993 wechselt er zur deutschen Tochter des Schweizer Aufzugherstellers Schindler in Berlin, wo er 1994 die Geschäftsführung übernimmt.

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