Küng: Er hat der Kirche mehr geschadet als genützt
Erzbischof Johannes Dyba ist tot

Der vehementeste Verfechter konservativer Moralvorstellungen in der katholischen Kirche Deutschlands, der Fuldaer Erzbischof Johannes Dyba, ist tot. Der 70-Jährige sei in der Nacht zum Sonntag einem Herzversagen erlegen, teilten Angehörige mit. Mit seinen häufig polemischen Äußerungen gegen Schwangerschaftsabbrüche und Homosexualität war Dyba auch unter Katholiken umstritten.

Reuters FRANKFURT. Erst vor wenigen Tagen hatte er die Bundesregierung mit der Bemerkung brüskiert, die von ihr geplante eingetragene Partnerschaft werde "Lustknaben" den Weg nach Deutschland öffnen. Der bekannte katholische Theologe Hans Küng erklärte zum Tode Dybas, der Fuldaer Erzbischof habe der Kirche insgesamt mehr geschadet als genützt. Die Bundesregierung und die Deutsche Bischofskonferenz äußerten ihr Bedauern über Dybas überraschenden Tod.

Dyba sei ein Mann von klaren Positionen gewesen, die er in aller Deutlichkeit in der Öffentlichkeit vertreten habe, sagte ein Regierungssprecher. Der Erzbischof habe keine Kontroverse gescheut und sich und andere im öffentlichen Disput nicht geschont. Auf seine Art habe er den deutschen Katholizismus mitgeprägt. Der innenpolitische Sprecher der Grünen - Bundestagsfraktion, Cem Özdemir, würdigte Dyba als einen Mann, der auf seine Art Zeugnis abgelegt habe von der Möglichkeit und der Wirklichkeit Gottes. Er habe weniger versöhnt als gespalten, aber er habe auf jeden Fall seine Positionen deutlich gemacht.

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, der Mainzer Bischof Karl Lehmann, ließ aus dem Urlaub in Spanien erklären, er sei sehr bestürzt über Dybas Tod. Dyba habe aus tiefer Überzeugung immer wieder einen leidenschaftlichen Einsatz für ein entschiedenes Christsein und eine unzweideutige Kirchlichkeit geleistet. "Auch wenn wir manchmal mit ihm darüber stritten, haben uns seine Menschlichkeit und sein Humor geholfen, versöhnlich im Geist unseres Glaubens zusammen zu wirken", erklärte Lehmann.

Der Generalsekretär der CDU, Ruprecht Polenz, äußerte sich ebenfalls betroffen. Mit Dyba verliere das Land einen der profiliertesten und streitbarsten Geister des des Katholizismus, der sich in seinem Amt als "Regulativ und Mahner" verstanden habe. Zugleich würdigte Polenz Dyba als einen "leidenschaftlichen Verfechter einer ethisch wehrhaften Demokratie". Sein Humor und sein bescheidenes Wesen hätten ihm hohes Ansehen eingetragen, schrieb Polenz.

Küng: Er hat der Kirche mehr geschadet als genützt

Der katholische Theologe und Papstkritiker Küng würdigte den Verstorbenen als "aufrechten Mann", der jedoch "aufs Ganze der Kirche in Deutschland mehr geschadet als genützt" habe. Dyba sei so etwas wie die "Speerspitze der römischen Fünften Kolonne in der Deutschen Bischofskonferenz" gewesen, und Bischof Lehmann als Vorsitzender habe deshalb "seine liebe Not" mit ihm gehabt. "Er ruhe in Frieden", erklärte Küng.

Erst vor wenigen Tagen hatte Dyba heftige Diskussionen ausgelöst, als er in einem Beitrag für das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" die Bundesregierung scharf für ihr Vorhaben kritisierte, gleichgeschlechtlichen Paaren mehr Rechte einzuräumen. Er bezeichnete Homosexualität als eine Degeneration und fügte an, "importierte Lustknaben" hätten keinen Anspruch auf die Fürsorge der Gemeinschaft. Damit spielte er auf geplante Verbesserungen bei den Aufenthaltsrechten von ausländischen Partnern an. Mehrere Politiker und Initiativen hatten daraufhin den Rücktritt oder zumindest eine Entschuldigung des Erzbischofs gefordert. Wenige Tage später legte Dyba das Amt des Militärbischofs nieder, nach eigenen Angaben aus Altersgründen.

In der Schwangerenberatung hatte Dyba gegen die Mehrheit der Deutschen Bischofskonferenz eine konservative und streng an den Vorgaben des Vatikans ausgerichtete Haltung vertreten. Lange Zeit beteiligte er sich als einziger Bischof in Deutschland nicht am System der staatlichen Schwangerenberatung. Die Scheine, die schwangeren Frauen nach einer Beratung eine straffreie Abtreibung ermöglichen, bezeichnete er als "Lizenzen zum Töten". Mittlerweile hat der Papst alle deutschen Bischöfe angewiesen, bis Ende 2000 aus der staatlichen Beratung auszusteigen.

Er galt als orthodoxer Außenseiter

Mit seinen konservativen Moralvorstellungen war Dyba auch in der katholischen Kirche stets umstritten. In der Deutschen Bischofskonferenz galt er als orthodoxer Außenseiter, der der feministischen Theologie etwa eine "Tendenz zur Gotteslästerung" bescheinigte. Die Abtreibung nannte er "Holocaust an den Ungeborenen". Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" attestierte dem Papst-Vertrauten Dyba, er verstehe "sein Hirtenamt als Kampfposten des Glaubens im säkularen Staat".

Dyba wurde am 15. September 1929 in Berlin geboren. Nach dem Abitur studierte er Philosophie und Jura in Bamberg und in den USA. 1959 wurde er zum Priester geweiht und trat später in den diplomatischen Dienst der Kurie ein. 1979 wurde er zum Bischof geweiht, 1983 übernahm er die Diözese Fulda. 1988/89 galt er als Anwärter auf den vakanten Bischofsstuhl in Köln, kam in dem langwierigen und komplizierten Auswahlverfahren aber nicht zum Zug. Dyba gehörte der vatikanischen Bischofskongregation an, die Bischofsernennungen weltweit vorbereitet.

Dybas Nachfolger wird im Zusammenwirken der katholischen Kirche in Deutschland und des Vatikans in Rom ernannt. Für gewöhnlich dauert das Auswahlverfahren nach Angaben der Deutschen Bischofskonferenz etwa neun Monate. Solange führt ein Stellvertreter die Diözese, in der Regel der Weihbischof.

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