Künstlern sollen über neue Modelle Einnahmequellen verschafft werden
Warum Müller-Maguhn plötzlich Middelhoff mag

Internet-Politiker und-Experten streiten über die Frage, wieviel Regulierung das Netz braucht. Insbesondere das ungelöste Problem der Urheberrechte erhitzt die Gemüter. Dabei tun sich verblüffende Allianzen auf.

BERLIN. Andy Müller-Maguhn kann die Forderung nach mehr Regulierung im Internet nicht mehr hören: "Das Zeitalter der Kontrolle von Bits ist endgültig vorbei", sagt Müller Maguhn, Sprecher des Chaos Computer Clubs und erster gewählter europäischer Direktor im Internet-Selbstverwaltungsorgan Icann. Vehement wehrt sich der stets für Freiheit im Netz eintretende Müller-Maguhn gegen Verbote für den Fluss von Informationen. Was andere als Raubkopiererei brandmarken ist für ihn kein Problem: "Was ist denn daran ein Verbrechen, wenn Wissen für alle frei verfügbar ist?", fragt er bei einer Veranstaltung von Friedrich-Ebert-Stiftung und Bertelsmann-Stiftung zum Thema Internet Governance am Freitag in Berlin.

Die Frage nach der richtigen Regulierung des Netzes erhitzt die Gemüter von Internet-Politikern und-Experten. Das machte die Veranstaltung deutlich. Insbesondere die Urheberrechte und das Beispiel Napster werden heftig diskutiert. Dabei passieren erstaunliche Dinge: Müller-Maguhn zum Beispiel lobt ausdrücklich Bertelsmann-Chef Thomas Middelhoff für seinen Einstieg bei der umstrittenen Musiktauschbörse Napster. Für den schlagfertigen Icann-Direktor, der ansonsten gerne gegen die etablierte Politik ebenso scharf schießt wie gegen Wirtschaftsbosse, ist Middelhoff mit Napster im Begriff, ein dringend notwendiges neues Modell zu entwickeln.

Müller-Maguhn argumentiert so: Der Austausch von Informationen im Netz, also auch von Musikstücken, muss frei sein. Denn: "Die Menschheit wäre über den Stand der Neandertaler nicht hinaus gekommen, wenn wir Wissen nicht geteilt hätten." Andererseits gebe es das Interesse der Künstler, von ihrer Arbeit zu leben. Hier brauche es neue Modelle, mit denen die unterschiedlichen Interessen unter einen Hut gebracht werden könnten. Die Zahlen über angebliche Milliardenverluste der Musikindustrie durch Raubkopien hält er für unseriös. Bei ihren Berechnungen würde die Industrie einfach die Kopien im Netz als mögliche Verkäufe hochrechnen, daraus entstünden dann die besagten Summen. Viele, die sich Musiktitel im Internet kopierten, hätten aber gar nicht das Geld, sie sich auch zu kaufen.

Das bleibt nicht unwidersprochen. Michael Leibrandt, Icann-Experte im Bundeswirtschaftsministerium, hält Müller-Maguhns Einstellung für "menschenverachtend" und nennt ein Beispiel aus dem Bereich der Pharmaindustrie: Nur weil es für Medikamente Patentschutz gebe, hätten die Unternehmen einen Anreiz, sie für teures Geld zu entwickeln und somit Leben zu retten.

Schützenhilfe erhält Müller-Maguhn von dem SPD-Abgeordeten und Medienpolitiker Jörg Tauss. Auch er fordert neue Modelle und nennt als Beispiel die von der Bundesregierung geplante PC-Abgabe. "Wir wollen den Künstlern über neue Wertschöpfungsketten neue Einnahmequellen verschaffen", erklärt er. Mit solchen Abgaben, die die Industrie zum Beispiel auf Computer oder CD-Brenner zahlen müsste, könnten die Urheberrechte abgegolten werden. Detlef Eckert, bei der Europäischen Kommission in Brüssel für Grundsatzfragen der Informationsgesellschaft zuständig, hält es nicht für verwunderlich, dass im Netz Urheberrechte verletzt werden. Schließlich sei das Internet ein Informationsmedium. "Wir wollen es aber für etwas nutzen, was es nicht ist", nämlich als Transaktionsmedium, argumentiert er.

Einig sind sich die Experten darin, dass für die Probleme der neuen Online-Welt auch neue Lösungen in Sachen Regulierung gefunden werden müssten. EU-Experte Eckert erklärt, man dürfe die Offline-Welt nicht mit der Online-Welt gleichsetzen. Auch Tauss lehnt diese Gleichsetzung ab und fordert eigene Regulierungs-Strukturen. Der Sozialdemokrat widerspricht damit seiner Parteigenossin Herta Däubler-Gmelin. Die Bundesjustizministerin hatte in ihrer Rede zuvor härteres Durchgreifen bei Rechtsverstößen im Netz gefordert und erklärt: "Was offline verboten ist, muss auch online verboten sein."

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