Künstliche Wachstumsfuge regt natürliches Knochenwachstum an
Teleskopnagel verlängert Knochen

Die Folgen von komplizierten Knochenbrüchen können nun besser geheilt werden. Der Unfallchirurg August Betz hat ein Verfahren perfektioniert, mit dem das natürliche Knochenwachstum des Köpers angeregt werden kann. Dazu wird ein variabler Nagel in das Mark des Knochens implantiert.

DÜSSELDORF. Vor allem die Unfallchirurgie könnte von einer Behandlungsmethode profitieren, die von den Unfallchirurgen Rainer Baumgart und Augustin Betz entwickelt und von Betz über einen Zeitraum von über zehn Jahren perfektioniert wurde. Knochen am Oberschenkel, Unterschenkel und Oberarm, die bei einem Unfall teilweise zertrümmert und nach einer Operation wieder zusammengefügt wurden, können mit einem Teleskop-Nagel, der in die Knochenhöhle implantiert wird, wieder auf die richtige Länge gebracht werden. Das Verfahren wurde inzwischen über 100 Mal angewendet. Betz behandelt Patienten in Deutschland und Asien, während Baumgart ausschließlich an der Chirurgischen Klinik der Uni München (www.beinverlaengerung.de) operiert.

Der Trick: Durch kontrollierten Zug am durchtrennten Knochen entsteht eine Art künstliche Wachstumsfuge. Hierdurch wird der Organismus - wie beim Kind - dazu angeregt, neue Knochensubstanz zu bilden. "Dieser neue Knochen entspricht in Form und Funktion dem natürlichen Knochen", erläutert Betz, der zurzeit am Therapiezentrum Martinmühle GmbH in Wadern-Wadrill praktiziert (www.fitbone.com).

Blutgefäße und Nerven wachsen mit

"Der Verlängerung der Knochen sind nur durch die Bänder und Sehnen sowie die angrenzenden Gelenke Grenzen gesetzt", sagt Baumgart. In einer Woche kann der Knochen um rund sieben Millimeter gestreckt werden. Weichteile wie Muskeln, Blutgefäße und auch Nerven wachsen mit. Nach Abschluss der Verlängerung muss der Patient den Marknagel jedoch einige Zeit weitertragen. "Der neue Knochen ist zwar angelegt, aber noch nicht stabil ausgebildet", erläutert Unfallchirurg Betz. Die Reifung des neuen Knochens dauere zwei bis dreimal so lange wie die Verlängerung. Erst dann sei der Knochen voll belastbar.

Das Teleskop-Nagelsystem ähnelt in seiner Funktion einer ausfahrbaren Auto-Antenne. Der zweiteilige Nagel wird von einem winzigen Motorgetriebe, das völlig eingekapselt im Inneren des Teleskops untergebracht ist, auseinander gedrückt. Der Antrieb, der von dem auf Präzisionsgetriebe spezialisierten Hersteller Wittenstein Intens entwickelt wurde, schiebt den Knochen gleichmäßig in vielen kleinen Schritten auseinander. Die Energie und Steuersignale für den Elektromotor werden durch Hochfrequenz-Energieeinkopplung auf den Empfänger unter der Haut übertragen. Die Haut wird nach der Implantation wieder geschlossen, so dass das Infektionsrisiko minimal ist.

Fehlstellungen können ausgeglichen werden

Mit dem Implantat können auch Knochendefekte, die von Knochentumoren verursacht worden sind, behandelt werden oder Fehlstellungen sowie Drehfehler oder Kleinwuchs. "Patienten, die sich zu klein fühlen, sollten jedoch zunächst alle Möglichkeiten ausschöpfen, um mit diesem Problem fertig zu werden", rät Rainer Baumgart. "Es sollte nicht vergessen werden, dass alle Operationen zur Beinverlängerung Maßnahmen an gesunden Extremitäten sind, die trotz aller Fortschritte mit einem Risiko behaftet bleiben". Außerdem ist die kosmetische Verlängerung, die nicht von der Kasse bezahlt wird, recht teuer. Bis zu 75 000 Euro müssen für eine Verlängerung von Ober- und Unterschenkel bezahlt werden.

Um die Behandlungstechnik für Arzt und Patienten komfortabler zu gestalten, wollen Mikrosystemtechniker an der Bremer Uni spezielle Mikrosensoren und Mikroelektronik entwickeln, mit der der Marknagel im Innern ausgestattet werden könnte. Die Bremer Forscher suchen nun nach neuen Wegen, die drahtlose Energieeinkopplung weiter zu perfektionieren und Informationen über den Heilungsprozess nach außen zu übertragen. Die Sensoren sollen dem Arzt Informationen über den Heilungsprozess drahtlos nach außen liefern, ohne dass Röntgenaufnahmen erforderlich sind.

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