Kürzeste Buchvorstellung der Messe
Jelzin verlor nicht viele Worte

dpa FRANKFURT/M. Gäbe es unter den vielen auf der Frankfurter Buchmesse verliehenen Preisen auch einen für die kürzeste Buchvorstellung, Boris Jelzin hätte ihn verdient. Als der frühere russische Präsident am Freitag in Frankfurt die deutsche Ausgabe seiner Memoiren präsentierte, verlor er nicht viele Worte. Auch nach dem Abschied aus dem Kreml könne er Gutes leisten für Russland und für Deutschland, er komme gern nach Deutschland, er freue sich, auf der Buchmesse zu sein, die jedes Jahr größer werde, "vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit" - Abgang. "Und dafür bin ich aus Hamburg gekommen?", entfuhr es einem der zahlreichen Journalisten, die sich seit einer halben Stunde am Stand der Verlagsgruppe Econ Ullstein List gedrängt hatten.

Auch dem Stand seines russischen Verlags - Jelzins Werk erscheint simultan in mehreren Sprachen - hatte der 69-Jährige zuvor nur eine Stippvisite gegönnt. Ein paar Widmungen, mit steifen Bewegungen und wie in Zeitlupe aufs Papier gesetzt, dann schob sich der Tross des Ex-Präsidenten weiter. Am gegenüber liegenden, ebenfalls russischen Stand, warteten volle Gläser und Kaviarschnittchen, doch Jelzin blätterte nur kurz in einem Buch und nahm dann samt Anhang Kurs auf den Ausgang.



Ausflug in die Welt der Gipfeldiplomatie

So einsilbig sich der Autor am Freitag gab, so vollmundig pries sein deutscher Verlag das 377 Seiten dicke "Mitternachtstagebuch" an: Jelzins Buch sei "eins der wichtigsten der Buchmesse" und zeige den "großen Politiker auch als großen Autor". Der Ende 1999 abgetretene Kreml-Chef zieht darin eine Bilanz seiner achteinhalbjährigen Amtszeit. Dem Tschetschenien-Krieg und dem Kosovo-Konflikt widmet Jelzin eigene Kapitel; dabei nimmt er die Leser mit in die Welt der Gipfel-Diplomatie, gewährt aber auch Einblicke ins alltagspolitische Räderwerk - so schildert Jelzin, dass er den Entschluss, den Präsidenten-Mercedes gegen eine russische SIL-Limousine einzutauschen, bald wieder revidieren musste: "Die Idee war gut, aber die Autos waren schlecht."

Der Ex-Präsident einer Atommacht räumt auch ein, dass er die Daueranspannung des Regierens bisweilen mit ein paar Wodkas hinunterzuspülen pflegte. Er nennt jedoch auch andere Mittel des Stress-Abbaus, beispielsweise sein Elektroauto: "Damit rase ich, was das Zeug hält. Besonders mag ich es, direkt auf einen Baum zuzusteuern und erst im letzten Moment das Steuer herumzureißen. Das ist für mich Entspannung."

(Boris Jelzin: "Mitternachtstagebuch", Propyläen-Verlag, DM 39,80, ISBN 3549 07120 - 5).

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