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Kuli als Clubausweis

Kürzlich bei einem Empfang. Ein Manager gibt mir seine Visitenkarte und schreibt seine Handy-Nummer auf die Rückseite der Karte. Zwei ins Gespräch vertiefte Gäste direkt daneben sehen das, unterbrechen ihr Gespräch und kommen näher.

Kürzlich bei einem Empfang. Ein Manager gibt mir seine Visitenkarte und schreibt seine Handy-Nummer auf die Rückseite der Karte. Zwei ins Gespräch vertiefte Gäste direkt daneben sehen das, unterbrechen ihr Gespräch und kommen näher. "Das waren noch Zeiten", erinnert sich einer wehmütig und zeigt auf den unscheinbaren Kugelschreiber meines Gegenüber, "wo haben Sie den denn her?" Geschmeichelt erklärt der Besitzer des Kulis: "Ich habe noch so ein Dutzend", sagt er, "die hüte ich wie ein Schatz." Ich bekomme das Geheimnis gelüftet: Früher, als die Varig die beste Fluglinie Südamerikas war und noch nicht ein Schatten ihrer selbst, bekamen Reisende in der ersten Klasse als Präsent einen dieser blauen Kugelschreiber mit dem Varig-Schriftzeichen. Wer den vorzeigen konnte, der demonstrierte, dass er Erste Klasse flog - nicht Business oder gar Economy. Der Kugelschreiber wurde zu einer Art elitärem Klubau sweis in Brasiliens Business-Kreisen. Ein genialer Marketing-Einfall: Denn das Schreibgerät ist ein ganz simpler Plastik-Kuli, heute für ein paar Cents im Dutzend zu haben beim Koreaner an der Ecke. "Naja", erklärt der Besitzer schon fast ein bisschen beleidigt, "die schreiben schon ganz besonders gut."


Alexander Busch
Alexander Busch
Handelsblatt / Korrespondent Südamerika
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