Kulturstaatsminister unterstützt Musikbranche
Nida-Rümelin will mehr deutsche Musik

Plattenbosse, Politiker und Musiker sind sich einig: Rock-Pop aus deutschen Landen führt ein Schattendasein. Deutsche Songs sind im Pop-Radio kaum zu hören, was sich wiederum auf die Charts auswirkt, dort dominieren amerikanische und britische Acts.

HB KÖLN. Zum wiederholten Mal wird der Ruf nach einer Quote laut, diesmal aber mit prominenter Unterstützung aus Berlin. Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin regte am Freitag auf der Musikmesse Popkomm in Köln eine freiwillige Quotenregelung für die deutschen Radiosender an, denn in den Mainstream-Formaten der öffentlich-rechtlichen wie der privaten Sender "ist der Anteil sowohl der deutschen als auch der deutschsprachigen Produktionen geradezu dramatisch gering".

Nida-Rümelin zitierte Vorab-Ergebnisse einer von ihm in Auftrag gegebenen Studie (Media Control), wonach deutsche Rock-Pop- Produktionen bei 94 untersuchten Sendern gerade einmal einen Anteil von 10 bis 20 Prozent erreichten; deutschsprachige Titel lägen sogar deutlich unter 10 Prozent. Die 30 größten Radiosender im Pop- Mainstream-Bereich spielen demnach pro Tag ganze 3 deutsche Titel; der größte deutsche Privatsender, den der Minister nicht beim Namen nannte, bringe es sogar im ganzen Jahr nur auf 3 Songs mit deutschen Texten.

Musikindustrie greift dankbar nach Strohhalm

Viel Beifall für seine Initiative erhält Nida-Rümelin von der deutschen Musikindustrie, die angesichts zehnprozentiger Umsatzeinbrüche in 2001 und im ersten Halbjahr 2002 gern nach diesem Strohhalm greift - und gleich ein fertiges Konzept auf den Tisch legt: die 50:50-Quote. Demnach sollen die Radiosender verpflichtet werden, 50 Prozent ihres Programms mit Newcomern zu bestreiten. Die Hälfte davon wiederum sollen deutschsprachige Titel sein. "Wir brauchen die Radioquote zur Stärkung unserer nationalen Musikkultur", meint Gerd Gebhardt, Vorsitzender der deutschen Phonoverbände.

Ein ähnliches Modell wird seit 1994 in Frankreich praktiziert - mit Erfolg: Der Umsatz der französischen Musikbranche stieg im vergangenen Jahr entgegen dem allgemeinen Trend um 10,8 Prozent. Die französischen Sender, die ihre Quoten mittlerweile sogar übererfüllen, haben ihre Reichweiten und Hörerzahlen erhöht. Die Investitionen in heimische Künstler haben sich von 1994 bis 2001 verdoppelt, die Investitionen in Newcomer sogar mehr als verdreifacht. Und auch die französischen Charts werden von eigenen Künstlern dominiert: "In den Top Ten dürften 80 bis 90 Prozent französische Hits sein, in den Top 100 sind es ungefähr 50 bis 60 Prozent", schätzt Daniel Winkel vom Französischen Musikexportbüro in Deutschland. Chartquoten, von denen deutsche Stars nur träumen können.

"Es geht um Artenschutz"

Denn auch Musiker wie Wolf Maahn und Laith Al-Deen sehen deutsches Liedgut auf dem Radio-Abstellgleis. Mit Blick auf den äußerst geringen Anteil meinte Alt-Rocker Maahn ("Rosen im Asphalt") in einem dpa-Gespräch:"Es geht für uns gar nicht mehr um Gleichberechtigung, sondern nur noch um Artenschutz. (...) Man hat geradezu das Gefühl, dass deutsch singende Künstler diskriminiert werden."

Laith Al-Deen ("Dein Lied", "Bilder von dir") hatte Anfang der Woche aus Protest gegen die Missachtung deutscher Popmusik sogar seine Nominierung für den Viva-Medienpreis Comet in der Kategorie HipHop/R&B zurückgewiesen, der Freitagabend vergeben werden sollte. "Ich kämpfe seit zwei Jahren gegen die R&B-Schublade und für die Anerkennung deutschsprachiger Popmusik", sagte er. "Wir übernehmen amerikanische Musikkategorien wie Rhythm and Blues, ohne selbst etwas zu entwickeln." Er selbst werde ja häufig gespielt, "aber es gibt viel mehr gute deutsche Künstler und Bands, die keine Chance haben, jemals im Radio gespielt zu werden." Englischsprachige Acts hingegen würden genommen, obwohl sie nicht besser seien.

Trotz aller Erfolge und Unterstützung, den französischen Weg will Nida-Rümelin nicht gehen. Die Quotenregelung des sprachbewussten Nachbarn sei schon wegen der föderalen Struktur Deutschlands nicht ohne Weiteres übertragbar. Er fordert vielmehr eine "freiwillieg Selbstverpflichtung" der Radiosender und eine gemeinsame Anstrengung der Radiomacher, der Medienaufsicht, der Kulturinstitutionen und der Musikwirtschaft, um "einen deutschen Weg zu mehr Vielfalt in der Popmusikbranche zu beschreiten."

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