Kunden befürchten weiteren Rückgang des Angebots
Sorge über Industrieversicherungs-Markt

Experten erwarten, dass das Angebot an Industrieversicherungen trotz steigender Preise knapper werden könnte. Ein Ausfall von Gerling oder ein Rückzug der Allianz ist immer noch denkbar. Ausländische Anbieter könnten diesen Verlust kaum kompensieren. Die Kundschaft ist alarmiert.

DÜSSELDORF. Steigende Preise, Vertrags-Konditionen, die sich im Sinn der Anbieter entwickeln - normalerweise führen solche Entwicklungen in einer Marktwirtschaft zu einer Ausweitung des Angebots und lockt neue Wettbewerber an. Doch im deutschen Industrieversicherungsmarkt hoffen die Unternehmen darauf vergeblich; tendenziell droht hier die Zahl der Anbieter eher weiter zu schrumpfen als zu steigen. Und ausländische Versicherer zeigen sich bislang nur an Großrisiken interessiert, beobachten Großmakler wie Aon Jauch & Hübener oder Marsh. "Es ist kein weißer Ritter in Sicht", stöhnt ein Versicherungseinkäufer eines deutschen Industrie-Konzerns.

Nach der AMB Generali hatte sich in diesem Jahr auch der Stuttgarter Allfinanzkonzern Wüstenrot & Württembergische (W&W) zum großen Teil aus dem Industriegeschäft verabschiedet: W&W versichert kein Geschäft mehr oberhalb einer Höchstschadensgrenze von 20 Mill. Euro. Und mit großer Sorge betrachten Kunden und Makler weiterhin die Situation beim Kölner Traditionsversicherer Gerling. Dessen Probleme stammen zwar nicht aus dem Geschäft mit Industrierisiken, wo die Kölner nach Marktführer Allianz die Nummer zwei im Markt sind. In Gefahr geraten ist der Konzern durch Verluste im Rückversicherungsgeschäft. Auf jeden Fall ist Gerlings Zukunft weiter unklar - auch wenn in den nächsten Tagen die Verkündung des Verkaufs des Gerling- Kreditversicherers NCM erwartet wird. Künftig werden hier die Swiss Re und die Deutsche Bank Regie führen.

"Ausgelöst durch die Gerling-Krise wird sich die Angebotswelt der Industrieversicherung in Deutschland ändern", erwartet Felix Hufeld, Deutschland-Chef des Maklers Marsh, "der Schock über die Verwundbarkeit eines Industrieversicherers sitzt selbst bei den treuesten Gerling-Kunden tief." Hufeld erwartet als eine Konsequenz, dass Kunden nun darauf drängen werden, ihre Risiken bei mehreren Versicherern breiter gestreut zu platzieren. Ermutigende Signale kommen von der Allianz, die das Geschäftsfeld Industrieversicherung nach jahrelangen Verlusten zwischenzeitlich zur Disposition gestellt hatte. Der Chef der Industrie-Sparte Steve Schleisman erklärte im Interview mit Dow Jones, dass seine Sparte im ersten Quartal eine Schaden-Kosten-Quote von unter 100 Prozent erreicht hat. Sprich: Das Geschäft muss nicht mehr subvenitioniert werden.

Diese Nachricht wird sein neuer Chef, der Allianz-Vorstandsvorsitzende Michael Diekmann, gerne vernommen haben. Allerdings dürfte es ihm nicht reichen: Er verlangt, dass das Industriegeschäft dauerhaft Erträge abwirft. "Ich halte einen Rückzug der Allianz aus dem Industriegeschäft für nicht wahrscheinlich, ganz ausschließen kann man es aber nicht", sagt Dankwart von Schultzendorff, Geschäftsführer des Versicherungsmakler Aon Jauch & Hübener. Sollte tatsächlich einer der beiden führenden deutschen Industrieversicherer aufgeben, wäre das für den Markt eine Katastrophe: "Beim möglichen Wegfall eines Industrieversicherers vom Schlage der Allianz geht es nicht allein um die fehlende Deckungskapazität. Es fehlt am Markt dann auch ein Teilnehmer, der Industrie-Risiken erfassen, preisen und im Schadenfall auch regulieren kann. Das ist ein ganz kritischer Punkt", erklärt von Schultzendorff.

Genau daran hapert es bei vielen ausländischen Adressen, die zum Teil im Steuerparadies Bermuda ansässig sind: Sie verfügen zwar über das notwendige Kapital, um große Industrierisiken zeichnen zu können, ihnen mangelt es aber an Experten vor Ort, die komplexe Industrierisiken in eine Police gießen können. Das könnte sich bald ändern: "Für mich ist es nur eine Frage der Zeit, wann ausländische Anbieter hier zu Lande noch stärker auftreten", sagt Marsh-Chef Hufeld. "Das gestiegen Preis- und Bedingungsniveau in Deutschland lockt durchaus ausländische Kapazitäten über den Londoner Markt an; allerdings werden sie nie damit einen führenden deutschen Versicherer ersetzen können", analysiert ein Experte eines Industrieunternehmens. Eine wichtigere Rolle könnte laut Hufeld der Haftpflichtverband der Deutschen Industrie (HDI) spielen, der mehr Geschäft als bisher auf sich ziehen könnte.

Quelle: Handelsblatt

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%