Kurs bricht zeitweise um 50 % ein
Banken und Politiker lassen Herlitz fallen

Fieberhaft wird nach der Zahlungsunfähigkeit des Berliner Schreib- und Papierwarenherstellers Herlitz ein Ausweg gesucht. Der Berliner Wirtschaftssenator Gregor Gysi kritisierte die mangelnde Risikobereitschaft der Banken, geriet jedoch seitens der Gewerkschaft Verdi selbst unter Beschuss.

fmd/va BERLIN. Der Berliner Wirtschaftssenator Gregor Gysi (PDS) ist zuversichtlich, einen Großteil der 3000 Arbeitsplätze bei der Herlitz AG und der Herlitz PBS AG Papier, Büro und Schreibwaren retten zu können. "Das Insolvenzverfahren bietet die Chance, die gesunden Kerne des Unternehmens und damit den Hauptteil der Arbeitsplätze zu retten", erklärte Gysi gestern. Alle Beteiligten, also Banken, Länder, Management und der Betriebsrat, stünden jetzt in der Pflicht.

Am Dienstag Abend hatte das traditionsreiche Berliner Unternehmen auf Grund von Zahlungsunfähigkeit Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens gestellt. Der Bankenpool um die Deutsche Bank und die Hypo-Vereinsbank konnten sich mit den Ländern Brandenburg und Berlin nicht über die Höhe der Bürgschaft für neue Kreditlinien einigen. Dem Vernehmen nach zeigte sich insbesondere die Hypo-Vereinsbank als größter Kreditgeber widerspenstig.

"Die Länder Berlin und Brandenburg sind zu einer angemessenen Bürgschaftsübernahme bereit", erklärte Gysi erneut. Doch die angespannte Haushaltslage sowie die bestehenden Risiken stellten Beschränkungen dar. Nach Darstellung Gysis haben es die Banken an "angemessener Risikobereitschaft" fehlen lassen. Konkret geht es dabei um eine Kreditlinie in Höhe von 218 Mill. Euro bis März 2003. Der Bankenpool hat sich bereit erklärt, rund 190 Mill. Euro zu übernehmen. Die Differenz in Höhe von 28 Mill. Euro sollte nach Auffassung der Banken durch eine Kreditbürgschaft der Länder abgesichert werden. Diese erklärten sich jedoch nur bereit, lediglich eine Summe von 11 Mill. Euro abzusichern. Herlitz gehört zu knapp 75 % dem Bankenkonsortium.

Das Engagement von Gysi für Herlitz hat nach Auffassung der Gewerkschaft Verdi zu wünschen übrig gelassen. Während Brandenburgs Ministerpräsident Stolpe (SPD) Herlitz zur Chefsache erklärt habe, überließ man in Berlin "diese Angelegenheit der zweiten Garde", so Verdi. Der Berliner Wirtschaftssenat habe seine Bewährungsprobe nicht bestanden, lautet das Urteil.

Unterdessen hat das Amtsgericht Charlottenburg den Anwalt Peter Leonhard zum vorläufigen Insolvenzverwalter ernannt. Zu seinen vordringlichsten Aufgaben wird es gehören, ob eine Fortführung des Unternehmens möglich ist. Die Börse hat da ihre Zweifel. Im gestrigen Handelsverlauf halbierte sich der Kurs auf 0,70 Euro. Damit wird das Unternehmen an der Börse mit lediglich 2,6 Mill. Euro bewertet. Das markiert einen bisherigen Tiefstpunkt in der Unternehmensgeschichte, die 1904 begann.

Im vergangenen Jahr erzielte der Konzern nach Angaben des Managements einen Umsatz von 438 Mill. Euro. Statt der erwarteten Verluste in Höhe von 20 Mill. Euro verbuchte Herlitz jedoch ein negatives Ergebnis von 50 Mill. Euro.

Doch die Voraussetzungen für einen Neuanfang sind nicht schlecht. Schließlich bietet das Insolvenzverfahren auch die Möglichkeit, sich von Altlasten zu trennen. So leidet das Unternehmen nach wie vor unter seinem verfehlten Immobilienengagement und dem zu groß geratenen Logistik-Zentrum. Hohen Wertberichtigungsbedarf erforderte auch die Beteiligung an einem russischen Zeitungspapierhersteller.

Das Herlitz-Management sagte gestern, dass das "operative Geschäft rettungsfähig" sei. Gleichzeitig wurde eingeräumt, dass auch in diesem Jahr noch keine schwarzen Zahlen geschrieben werden. "Gegen null kann das Ergebnis nur ohne Altlasten gehen", so Vorstand Christian Supthut. Am kommenden Montag soll über ein Massekredit entschieden werden. "Wir brauchen das Geld jetzt", so Insolvenzverwalter Leonhard.

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