Kurse so niedrig lange nicht
Experten erwarten Wende bei Autoaktien

Die deutschen Autobauer sind dabei, ihre Hausaufgaben zu machen: Mit Kostensenkungen und neuen Modellen wollen sie wieder an frühere Erfolgszeiten anknüpfen. Noch zögern die Anleger, auf Grund der allgemein unsicheren Lage zuzugreifen. Doch wenn die Manager die Trendwende schaffen, zeigt sich das auch in den Kursen.

FRANKFURT/M. 4,5-5,4 - 6,7: Diese Zahlen lassen die Schnäppchenjäger an der Börse hellhörig werden. Es handelt sich um die für 2004 geschätzten Kurs-Gewinn-Verhältnisse (KGV) der drei großen deutschen Autokonzerne im Deutschen Aktienindex: Volkswagen, Daimler-Chrysler und BMW. Doch obwohl sowohl die Kurse als auch die KGVs der Autobauer auf dem Weg zu historischen Tiefs sind, zögern die Investoren zuzugreifen.

Automobilwerte sind eben keine Wachstumswerte. Daher halten Experten es für gerechtfertigt, dass die Titel auch im Vergleich mit anderen Branchen niedrig bewertet sind. Wenn die Konzerne im Laufe des Jahres ihre Probleme weiter in den Griff bekommen sehen Experten Chancen für steigende Kurse. "Denn an der Börse gehören die Autowerte zu den Frühzyklikern", sagt Autoanalyst Stefan Greifeneder von der Bayerischen Landesbank.

Greifeneder fasst die Problemlage der Branche zusammen: "Nach 2002 werden in Westeuropa und den USA wegen der schwachen Konjunkturlage und der daraus resultierenden Konsumzurückhaltung auch in diesem Jahr weniger Neufahrzeuge verkauft. Auch entwickelte sich die Euro-Dollar-Parität zuletzt zu Ungunsten der exportabhängigen deutschen Fahrzeughersteller."

Auf diese Probleme antworten die Hersteller mit Produktionsverlagerungen in die Absatzmärkte sowie Absicherung des Währungsrisikos durch Finanzderivate. Auch in Sachen Kostensenkungen haben sie bereits die ersten Schritte in die richtige Richtung getan: Alle drei Unternehmen verfolgen rigorose Kostensenkungsprogramme. "Neue Modelle sowie niedrigere Kosten werden die Erträge der deutschen Autokonzerne wieder stimulieren", ist Klaus Schrüfer, Chief Asset Strategist der SEB, überzeugt und sieht mittelfristig wieder Potenzial für deren Aktien.

"Die Konzernlenker haben die Beine nicht hochgelegt, sondern sind so den sinkenden Absatzzahlen entgegen getreten", sagt Autoanalyst Patrick Juchemich von Sal. Oppenheim. Das allein reicht aber nicht aus. Denn bei jedem der drei Werte entscheiden auch noch individuelle Faktoren über den zukünftigen Unternehmenserfolg.

Wohin etwa der Weg der Aktie von Daimler-Chrysler führt, entscheidet sich in erster Linie in den USA. Denn seit der Fusion von Daimler und Chrysler im Jahr 1998 haben die US- Lastwagen-Tochter Freightliner und die US-Marke Chrysler Aktienkurs und Bilanz des deutsch-amerikanischen Konzerns bis vor kurzem belastet. Allein Chrysler machte 2001 ein Minus von 2,2 Mrd. Euro. Vor allem dank massiver Kostensenkungen fuhr Chrysler in den ersten drei Quartalen 2002 rund 1,2 Mrd. Euro Gewinn ein. Freightliner schaffte im zweiten Quartal 2002 den Break-even.

"Die treibende Kraft für die Ergebnisentwicklung wird auch 2003 Chrysler sein", ist Greifeneder überzeugt. Daimler-Chrysler habe enormes Potenzial zur Ergebnissteigerung und sei aktuell zu niedrig bewertet. "Die Restrukturierungserfolge sind beeindruckend", sagt auch Juchemich, "der Börsenkurs spiegelt die mittelfristigen Chancen nicht wider."

Bei VW ist die Produktpalette der Knackpunkt. Die Gewinnbringer Golf und Passat verkaufen sich am Ende ihres Lebenszyklus schlecht. Bis der neue Golf V kommt - vermutlich zur IAA im September - und Ende 2004 der neue Passat, versuchen die Wolfsburger weiter, die Kosten zu drücken. Juchemich weckt Hoffnung: "In der Vergangenheit zogen Bewertung und Aktie ein halbes Jahr vor der Einführung eines Golf meist deutlich an." Dienstag legt VW die Jahresbilanz vor. Neben der Frage, ob VW sein Gewinnziel vor Steuern von 4 Mrd. Euro erreicht, wollen die Analysten wissen, wie VW die Nachfragekrise bewältigen will.

BMW steht nach eigenen Angaben vor dem "wichtigsten Jahr der Unternehmensgeschichte". Neben dem neuen 5er-Modell, das sich gegen die vor knapp einem Jahr neu eingeführte E-Klasse von Mercedes durchsetzen muss, bringt BMW in diesem Jahr den 6er und den X3 auf den Markt; in 2004 folgt der 1er. Alle drei Autos haben keine direkten Vorgänger. "Da Erträge durch Vorgängermodelle fehlen, wird die Ergebnisentwicklung in 2003 durch Vorlaufkosten gebremst", sagt Greifeneder. Das sei aber keine Schwäche des Konzerns, sondern - wie momentan auch der Kauf deutscher Autoaktien - eine Investition in die Zukunft. Der Erfolg der neuen Modelle ist aber Pflicht.

Positiv bewerten Experten die Konzentration der Münchner auf die Premiumklasse. Sie rechtfertige auch, dass die BMW-Aktie im Vergleich mit der Konkurrenz im Inland am höchsten bewertet wird. Analyst Oliver Caspari vom Bankhaus Lampe hebt dabei hervor, dass BMW trotz schwacher Konjunktur in Westeuropa und Nordamerika weiter steigende Absatzzahlen meldet.

Es bleibt den Unternehmenschefs Schrempp, Pischetsrieder und Panke also noch jede Menge Arbeit. Und Anleger müssen sich mit der Timing-Frage quälen: Wer zu früh einsteigt, geht das Risiko ein, dass sich die Ergebnisse nicht so positiv wie erhofft entwickeln. Wer aber zu lange wartet, droht eine mögliche Aufholjagd der Auto-Titel zu verpassen. Entscheidend ist daher die Frage: Wann nimmt die Börse die guten Aussichten für 2004 und später vorweg? "Sobald die geopolitischen Unsicherheitsfaktoren wegfallen und es erste Anzeichen für eine Konjunkturbelebung gibt", sagt BayernLB-Experte Greifeneder.

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