Kurseinbruch der Telekom
Kommentar: Rettet die Aktie

Die Aktienkultur in Deutschland gerät in Gefahr. Alle Fortschritte, die Politik und Unternehmen im Zusammenspiel mit Banken und den heimischen Börsen in langwieriger, mühsamer Kleinarbeit erreicht haben, drohen auf einen Schlag vernichtet zu werden. Das Vertrauen der Privatanleger in die Märkte ist angeknackst; es fehlt nicht viel, und es wird zerstört. Im Mittelpunkt der Entwicklung steht ein Wertpapier: die T-Aktie. Der Anteilsschein der Deutschen Telekom bewirkte den Aufbruch in einen neues Aktienzeitalter; jetzt könnte er eine neue Eiszeit anbrechen lassen.

Die Erschütterungen kamen ohne Vorwarnung. Zwar haben die starken Verluste nach dem Abebben der Euphorie für High-Tech-Aktien die Geduld der Investoren auf eine harte Probe gestellt; die Reform des Neuen Marktes ließ lange auf sich warten; und die Diskussionen um den vorbörslichen Grauen Markt sind sicher nicht Vertrauen erweckend. Doch bislang hieß das Motto: Augen zu und durch. Davon kann nun keine Rede mehr sein. Der jüngste Einbruch der T-Aktie legt die Nerven der Anleger blank - gerade der kleinen. Es fehlen nur noch ein paar Euro, und ein Anteilsschein kostet wieder so viel wie im November 1996, als der Bund erstmals Aktien des Telekomkonzerns verkaufte. Damals begann der Siegeszug der Aktie in Deutschland, der jetzt so jäh zu stoppen droht. Denn inzwischen hat die Verkaufswelle auch die Millionen von Privatanlegern erfasst, die bisher treu zur ersten wirklichen Volksaktie hielten. Viele ziehen offensichtlich ein Ende mit Schrecken einem Schrecken ohne Ende vor.

Das erstaunt nicht, denn die Börsenwelt spielt seit vergangener Woche verrückt. Der Schuldige wurde von den Märkten, der Politik und der Deutschen Telekom auch schnell ausgemacht: die Deutsche Bank. Sie hatte zunächst ihre Kaufempfehlung für die T-Aktie erneuert. Der Kurs zog an. Am Tag darauf wurde dann die Verkaufsorder eines Unbekannten im Wert von über einer Milliarde Euro im Markt platziert - vom größten Institut im Lande. Die Notierung bröckelte ab. Bei einer anderen Aktie wäre damit wohl ein Endpunkt gesetzt worden. Keiner hätte sich groß aufgeregt, aber nicht im Fall der Deutschen Telekom. Hier geht es um die Volksaktie der Deutschen. Und so verstärkte sich die Verunsicherung. Denn das Geheimnis um den Auftraggeber wurde nicht gelüftet. Zudem sind ab September weitere Abgaben in mehrstelliger Millionenhöhe zu befürchten. Verkaufsempfehlungen von Banken taten ein Übriges. Die T-Aktie fiel und fiel. Der Deutschen Bank wurde massiv Manipulation vorgeworfen.

Inzwischen ist das Chaos fast perfekt. Die Telekom überprüft rechtliche Schritte gegen die Deutsche Bank. Die hessische Börsenaufsicht will die außerbörsliche Transaktion überprüfen, obwohl sie dafür nicht zuständig ist. Die Politiker wettern gegen die Großbank. Alle überziehen. Zum Schaden der Telekom, zum Schaden der T-Aktionäre und der Aktienkultur. Die Deutsche Bank muss ohnehin mit einem Imageschaden leben. Das hat sie sich selbst zuzuschreiben. Wichtig ist jetzt, dass Panik vermieden wird. Das gilt besonders für die Kleinanleger. Allerdings befindet sich die T-Aktie in einer Übertreibungsphase. Die Gefahr weiterer Verluste ist groß. Dennoch: Für den Verkauf der T-Aktie ist es zu spät. Der faire Wert ist bereits unterschritten. Bleibt nur zu hoffen, dass dies möglichst viele Investoren erkennen und zugreifen. Es wäre fatal, wenn das Vertrauen der Kleinanleger in die Aktie auf Dauer Schaden erlitte. Deutschland braucht die Aktie.

Robert Landgraf
Robert Landgraf
Handelsblatt / Chefkorrespondent Finanzmärkte
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%