Kursrisiken werden oft unterschätzt
Exotische Zertifikate auf dem Vormarsch

Bei der Konstruktion von Zertifikaten beweisen die Banker, wieviel Phantasie sie eigentlich haben. Anleger konnten mit diesen Wertpapieren sogar auf den Ausgang der US-Wahl wetten.

FRANKFURT. Der Phantasie der Banker bei der Emission von Zertifikaten sind keine Grenzen gesetzt. Als noch nicht feststand, wer der nächste Präsident der USA werden würde, legte Lehman Brothers vorsorglich zwei Zertifikate auf, und zwar ein "George-Bush-Zertifikat" und ein "Al-Gore-Zertifikat". Die in diesen Aktienkörben enthaltenen Titel nordamerikanischer Unternehmen sollten besonders von einem Wahlsieg profitieren. Bei dem Bush-Papier (Wertpapierkenn-Nummer: 580 802) dachten die Analysten etwa an Chevron, Microsoft oder Philip Morris. Ein Wahlsieg Al Gores (Wertpapierkenn-Nummer 580 801) wiederum werde Unternehmen wie AT & T, Oracle oder Sun Microsystems zu Gute kommen, kommentierte die Bank.

Seit der Zertifikatemarkt mit der der ersten Auflegung von Indexpapieren vor rund zehn Jahren in Deutschland in Schwung kam, hat sich einiges geändert. Zwar stehen Indexzertifikate weiterhin hoch in der Gunst der Anleger - insbesondere der defensiv orientierten, die dieses Investment als Alternative zu Fonds betrachten. Darüber hinaus gibt es mittlerweile eine Vielzahl anderer Papiere:Die drei beliebtesten Gruppen sind Branchen- oder Themenzertifikate, Performancepapiere und die so genannten Discountzertifikate.

Aktienkörbe mit Titeln einer Branche sind bereits seit einigen Jahren in Mode. Ein Beispiel dafür ist das Europäische-Banken-Zertifikat von UBS Warburg (WKN 927 019), das acht Banktitel enthält. Die Idee hinter dieser Konstruktion: Anleger kaufen mit einem Streich mehrere Aktien eines vielversprechenden Sektors. Ihr Kursschwankungsrisiko ist nicht so stark wie bei Einzeltiteln. Gegenüber einem Indexpapier ist das Risiko aber deutlich höher, denn oft bewegen sich die Werte einer Branche im Gleichklang; die Unternehmen haben ja meist mit den gleichen Schwierigkeiten wie teuren Rohstoffen oder einer Nachfrageflaute zu kämpfen.

Eine leicht abgewandelte Variante sind Themenzertifikate wie das "George-Bush-Zertifikat" von Lehman Brothers. Anleger sollten jedoch aufpassen und genau hinsehen, was sie kaufen. Manchmal erscheint die Zusammensetzung der Körbe recht willkürlich.

Bislang erfolgte die Auswahl der Aktien für Branchen- oder Themenzertifikate meist durch den Emittenten. Neuerdings gibt es einige Fälle, in denen Anleger dabei einbezogen werden. So konnten sie etwa bei dem Mobile-Commerce-Basket von UBS Warburg (WKN 940779) innerhalb bestimmter vorgegebener Grenzen über die Gewichtung der Titel via Internet entscheiden. Oft bleibt die Korbzusammensetzung bis zum Ende der Laufzeit gleich, manchmal behält sich die Bank aber auch Änderungen vor.

Ein weiteres Marktsegment sind die Performance-Zertifikate.Sie bilden verschiedene Investmentansätze ab, beispielsweise eine Growth-, Value- oder Momentumstrategie. Bei diesen Papieren nehmen die Banker periodisch neue Aktien in die Körbe hinein und sortieren alte aus. Beispiel: Merrill Lynch kreierte den so genannten "Europe-Style-Switching-Index" und begab darauf Zertifikate (WKN 504 195). Das Barometer bildet die Kursentwicklung von 36 europäischen Unternehmen ab. Bei steigenden Aktienkursen nehmen die Banker Wachstumsaktion in den Index auf, bei fallenden Kursen Substanzwerte; auf diese Weise sollen Kursschwankungen abgefedert werden. Der Index wird alle drei Monate neu zusammengesetzt.



Performancezertifikate sind demnach mit aktiv gemanagten Fonds zu vergleichen, während Indexzertifikate den - passiven - Indexfonds gegenübergestellt werden können. Die Bewertung eines solchen Zertifikats ist für Anleger jedoch schwieriger nachzuvollziehen, als das bei den Indexpapieren der Fall ist; bei letzteren wird der aktuelle Indexstand durch das Bezugsverhältnis geteilt - ansonsten müssen Investoren lediglich Währungsentwicklungen berücksichtigen.

Wesentlich komplizierter zu berechnen sind die Preise der "Discountzertifikate". Dennoch zeigen die zahlreichen Emissionen (siehe www.zertifikateweb.de): Die Papiere, die eine Optionsschein-Komponente enthalten, werden immer beliebter. Solch ein Zertifikat kann man durch den imaginären Kauf einer Aktie und Verkauf einer Kaufoption (Call) abbilden. Entsprechend wird bei der Berechnung des Zertifikatpreises die Call-Prämie vom Aktienkurs abgezogen; dabei wird die Call-Prämie von Größen wie der Schwankungsbreite (Volatilität) des Aktienkurses beeinflußt, die Privatanleger oft nur schwer einschätzen können. Allerdings kann man im Internet verfolgen, wie sich die Optionspreise entwickeln.

Anleger können mit Discountzertifikaten günstiger in den zu Grunde liegenden Titel einsteigen, als wenn sie ihn direkt an der Börse kaufen würden. Allerdings ist der Wertzuwachs nach oben begrenzt; die Obergrenze heißt im Fachjargon Cap. Je niedriger der Cap, desto höher ist der Discount, also der Abschlag auf den Aktienkurs.
Auch wenn die feinen Unterschiede zwischen den einzelnen Zertifikaten nicht allen Investoren geläufig sein dürften - intuitiv handeln viele bereits richtig bei der Auswahl der Papiere. Stefan Gresse, bei ABN Amro zuständig für Kundenbetreuung: "Für Indexzertifikate interessieren sich oft ältere und defensiv orientierte Anleger. Die Jüngeren sind risikobereiter und greifen eher nach Themenzertifikaten." Dass Discountzertifikate mit einer Optionskomponente ausgestattet sind, dürfte allerdings den wenigsten klar sein. Hier sollten nur Anleger zugreifen, die sich bereits mit der Optionstheorie befasst haben.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%