Kursrückgänge bei Terroranschlägen nicht kalkulierbar: Unsicherheit belastet Börse mehr als Krieg

Kursrückgänge bei Terroranschlägen nicht kalkulierbar
Unsicherheit belastet Börse mehr als Krieg

Den drohenden Krieg haben die Märkte zwar "eingepreist" - nicht aber alle Szenarien. Weil immer mehr Investoren sich mit dem Gedanken eines langen Krieges beschäftigen, bleibt für die Kurse noch Potenzial nach unten.

DÜSSELDORF. Die Angst vor einer Auseinandersetzung am Golf schickt seit Monaten die Märkte auf Talfahrt. Doch warum steigen die Kurse, wenn der drohende Krieg ein Stück mehr Realität wird?

Die Rede von US-Außenminister Colin Powell vor der Uno ist ein gutes Beispiel für die derzeitige Verfassung der Märkte. Während Powells Ausführungen stiegen die Aktienkurse kräftig, und das als "sicherer Hafen" gesuchte Gold brach zeitweise um mehr als zehn Dollar ein. Grund dafür war nicht etwa die Vorstellung, dass sich der Krieg doch noch vermeiden lässt. Investoren und Händler waren vielmehr kurzzeitig der Meinung, dass Powell die schwankenden Uno-Sicherheitsratsmitglieder auf seine Seite zieht und ein rascher Kriegsausbruch wahrscheinlicher wird. Doch Frankreich und Co. waren nicht so leicht zu überzeugen, wie es anfangs schien. Prompt brachen die Kurse wieder ein, und Gold zog wieder an. "Die Unsicherheit bleibt. Investoren hofften vergeblich, etwas Kontrolle über ihre Zukunft zu bekommen", sagt Joachim Goldberg von Cognitrend

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Nicht zu wissen, wann die quälende Ungewissheit endlich endet, schwächt die Börsen derzeit mehr als der drohende Krieg selbst. "Hauptproblem für die Märkte ist derzeit, wie lange die große Unsicherheit noch anhält", meint Thierry Lacraz von Pictet & Cie in Genf. "Was wir brauchen, ist etwas mehr Klarheit", sagt Todd Leone von S.G. Cowen. Diese Klarheit gibt es nicht, solange die Inspektoren im Irak neue Beweise suchen und Amerikaner sich mit Europäern über das weitere Vorgehen streiten. Rolf Elgeti, Chefstratege der Commerzbank für Europa in London, sieht den drohenden Krieg zwar ausreichend eingepreist, aber nur, "wenn man von den absoluten Worst-Case-Szenarien absieht".

Schreckensszenarien, wonach sich der Krieg monatelang in die Länge zieht, hat der Markt (noch) nicht eingearbeitet. "Bei einem langen und globalen Krieg mit Terror-Gegenschlägen des Iraks oder fundamentalistischer Trittbrettfahrer sind die Kursrückgänge überhaupt nicht kalkulierbar", sagt Kai Franke, Leiter des Researchs der ING-BHF-Bank. Er warnt Investoren, allein auf einen kurzen Krieg zu setzen. Elgeti sieht bei einem ausufernden Krieg weiteres Abwärtspotenzial von 20 Prozent: "Es sind allerdings auch Szenarien mit noch größeren Rückgängen denkbar."

Demnach ist es zu optimistisch gedacht, dass die Börsen mit ihrer derzeitigen Talfahrt übertreiben. Bislang ist nach Meinung der Strategen zwar der drohende Krieg eingepreist - allerdings "nur" in dem Szenario, wie die Welt es vor zwölf Jahren am Golf erlebte. Damals hatten die Alliierten rasch die Kontrolle über das vom Irak besetzte Kuwait gewonnen. Weil diesmal ein Alleingang der Amerikaner droht und es nicht um die Befreiung eines Landes, sondern um die viel schwierigere Absetzung eines Regimes geht, preisen die Märkte derzeit schlimmere Szenarien als einen kurzen Krieg ein.

Wer allerdings nüchtern Risiken und Chancen abwägt, sollte sich die Börsen mit jedem Prozent Verlust genauer anschauen. "Das Risiko, den Aufschwung mit einem kurzfristigen Gewinn zu verpassen, den es sonst nur in drei Jahren gibt, ist größer als das Risiko eines weiteren Abschwungs", sagt Elgeti. Der Chefstratege verweist auf den Volatilitäts-Index (Grafik). Dieser misst die am Markt erwartete Schwankungsbreite im Dax. Seit Zuspitzung der Irak-Krise liegt der V-Dax zwischen 35 und knapp 60 Punkten. Über so lange Zeit war das Niveau nie so hoch. Ein hoher V-Dax - je stärker Aktien fallen, desto stärker steigt in der Regel der V-Dax - zog in der Vergangenheit immer höhere Kurse nach sich

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"Der V-Dax bietet enormes Potenzial für eine Bärenmarktrally von 20 Prozent", sagt Elgeti. Er rät Anlegern, auf Öl-Titel zu setzen. Anders als beim Krieg vor zwölf Jahren sind Öl-Titel im Vorfeld des drohenden Kriegs stark gefallen, obwohl der Rohölpreis unverändert bei über 30 Dollar pro Barrel notiert. Investoren kalkulieren nach Berechnungen Elgetis damit, dass der Ölpreis auf 14 Dollar fällt und die Konzerne deutlich weniger verdienen. "So tief wird der Preis nicht einbrechen", sagt Elgeti, "nach einem kurzen Krieg sind 25 Dollar oder 20 Dollar möglich. Damit stehen die Ölfirmen aber besser da als jetzt vermutet."

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